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Times mager Westsee

Wie wär's denn man mal mit ohne Internet? Das gibt mehr Raum zum Spekulieren, ohne sich immer alles von Googel erklären zu lassen.

The Stranglers
„The Stranglers“ sangen auch schon von der Westsee. Foto: Imago

Orte ohne Internet. Einst gab es sie überall. Keine zwei Katzenleben ist es her, dass praktisch nirgends Internet war. Jedes Ferienkaff hätte damit werben können: Hier kein Internet! Kommen Sie, leben Sie! Genießen Sie alles! Laufen Sie nicht Gefahr, dass man dauernd nachschlägt, ob es stimmt, was Sie sagen, ohne auch nur einen Zeh vom Strand wegzubewegen!

An Orten ohne Internet kann man in seinen spärlichen Erkenntnissen wühlen, angesammelt und abgespeichert, als es noch drauf ankam. Oder einfach spekulieren, ins Blaue, das Damoklesschwert der 1.986.713 Treffer in 0,04 Sekunden außer Reichweite. Jetzt gibt es vermutlich nur noch einen Ort ohne Internet: hier an der Ostsee, aber auch nur, wenn man nicht ums Haus herum und 100 Meter die Straße entlang geht. 

Hier also mal wild spekulieren: Rauscht, neben der Ost-, Nord- und Südsee eigentlich auch eine Westsee? Ja. Muss ja. Es kommt immer auf den Standpunkt an. Japan beispielsweise könnte durchaus sagen, die USA seien der Osten. Vielleicht sagt Japan das sogar und manche wissen es bloß nicht.

Was wir wissen, um auf die Westsee zurückzukommen, ist: Sie wurde sogar besungen, und zwar von der britischen Punk-, später Postpunkband The Stranglers. „We came across the West Sea, we didn’t have much idea of the kind of climate waiting“, begannen sie ihr Lied „Nice’n’Sleazy“. (Auch wenn das Rechtschreibprogramm der kreidefelsenfesten Überzeugung ist, die beiden letzten Wörter des Satzes müssten lauten: „Filmatelier Waiblingen“.)

Sie kamen also über die Westsee mit wenig Ahnung, welches Klima sie erwartete, und zwar nicht in Waiblingen, sondern vermutlich in Amerika, der Verdacht liegt ja auf der Hand. Weiter im Text, für Sie salopp übersetzt: „Wir führten einander an den Händen wie die Kinder eines Priesters, wie ein trockene Bäume suchendes Wasser“ (ist das nicht wundervoll?), „oder eine Tochter, nett und schäbig – nett und schäbig läuft’s.“

Songtext-Interpretation, ein Feld, weit wie die Westsee. Später im Lied kommt ein Engel von draußen, ohne Heiligenschein, ohne Vater, trägt einen bunten Mantel, redet von Brüdern, Wein und Frauen. Die Stranglers führten das Stück in London auf und ließen dazu auf der Bühne Tänzerinnen strippen. Das Publikum strippte mit. Die Polizei musste eingreifen. 

Das geschah im Sommer vor nun genau vierzig Jahren. So ein Detail weiß dann aber doch nur das Netz. Eine schöne Geschenkidee übrigens für Ost- oder Westsee-Reisende: das Internet als Buch. 

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