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Times mager Vorlesen

Leise lesen, laut lesen, lesen lassen: Diverse Möglichkeiten, einen Text in sich hineinzubekommen. Oft ist Limonade im Spiel.

Ein Glas Limonade ist ein festes Accessoire des Lesenden. Foto: imago/Westend61

Leise zu lesen ist zwar keine Erfindung der Neuzeit, aber mit fortschreitender Alphabetisierung natürlich üblicher geworden. Heute wohnen zwei Seelen in der Brust des Lesenden, nein drei, nein vier. Eine will ihre Ruhe und ein Glas Limonade dazu.

Die zweite will das Gelesene bisweilen mitmurmeln, gar deutlich aussprechen, und ein Glas Limonade dazu.

Die dritte will auch noch schnell mit dem Auto wohin, so dass jetzt Rufus Beck oder Martina Gedeck das Lesen übernehmen und die herumsausende Seele getrost zuhört. Die Limonade steht im Cupholder.

Die vierte will weder Auto fahren noch selbst lesen, außerdem will sie auch etwas sehen und zwar den Autor. Die Limonade hat sie unter den Stuhl gestellt, wo sie nach einer halben Stunde umgeworfen wird. Insofern hat die vierte etwas Nervendes, gleichwohl könnte der Literaturbetrieb ohne sie einpacken.

Es gab ein interessantes Detail am Montagabend bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises (an Bodo Kirchhoff), für das bisher kein Platz in der Zeitung war. Der Preisverleihung voraus geht ja immer ein knapp einstündiges Programm, das einen in den Wahnsinn treiben kann, aber liebevoll gestaltet wird. Unter anderem liest eine dafür ausgebildete Person, meist eine Schauspielerin oder ein Schauspieler, ein paar Sätze aus jedem der nominierten Werke vor. Jeweils im Anschluss zeigt ein kurzer Film den dazugehörigen Autor in möglichst pfiffigen Situationen und aus originellen Perspektiven. Er steht Rede und Antwort und liest ebenfalls ein Stück vor.

Diesmal fiel nun ungemein auf, dass der dazugebetene Schauspieler einen schönen Aufwand betrieb, die Stimme prächtig modulierend. Die fünf Autoren und eine Autorin lasen dagegen vollkommen zurückgenommen und als betrieben sie das Vorlesen nur beiläufig, als zartes Transportmittel. Es war, als hätten sie sich abgesprochen. Es war für die Textstellen perfekt, wie eine Korrektur des vorangegangenen schauspielerischen Elans.

Zweierlei kann man daraus schließen: Erstens, dass die Nominierten auf der diesjährigen Shortlist gar nicht so unterschiedlich waren, wie man es beim leisen Lesen hätten meinen können (und so war auch die allgemeine Meinung). Die Untertreibung bekam ihnen allen gut. Zweitens, dass Schauspielkunst es heute schwer hat in einer literarischen Welt, die gerne untertreibt und, wenn sie übertreibt, erst recht lieber den Dämpfer aufsetzt.

Ach, und wieso ist leise zu lesen keine Erfindung der Neuzeit, obwohl es uns in „Literatur des Mittelalters I“ noch so beigebracht wurde? Dazu mehr, wenn wieder Platz in der Zeitung ist.

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