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Times mager Von meckernden Zugezogenen

Frankfurts W. ist legendär. Dennoch findet sich einer, der meckert. Zugezogen, na klar.

Latte Macchiato
Tout Francfort kommt bei W. vorbei, früher oder später. Foto: imago

Das W. ist in Frankfurt legendär. Ein schmales Hemd von Laden, in dem Kaffee verkauft und ausgeschenkt wird. Manche sagen, es sei der beste von Frankfurt. Andere sagen, es sei einfach etwas Besonderes, bei Sonne, Nebel, Nieselregen vor dem Streifen Café zu stehen, das dickwandige weiße Espressotässchen in der Hand, das Latte-Macchiato-Glas auf einem der kleinen runden Stehtische, den ständig frisch aus der Tür wehenden Kaffeeduft in der Nase. Tout Francfort kommt hier vorbei, früher oder später. Zu bestimmten Zeiten reicht die Schlange bis zum Straßenrand. Aber W.-Kunden sind die Langmut selbst.

Selbst dann, wenn eine Dame, eine Handvoll Bekannte, Frankfurt-Besucher wohl, im Schlepptau, heranrauscht und in präziser norddeutscher Aussprache und so laut erklärt, dass es „die Leute“ nicht überhören können: „Es ist so eng hier“ (ausholende Armbewegung), „man kann sich gar nicht umdrehen da drin. Ich verstehe nicht, warum die Leute das so toll finden.“ Blicke „der Leute“ auf die Dame. Schweigen. Nachsichtiges Lächeln. Nur einer, Graubart, Typ Alt-68er, murmelt: „Geh doch nach Hause.“

Eine Aufforderung, flexibel einzusetzen, nur auf den ersten Blick harmlos, denn je nach Bedarf meinend: Geh wieder dahin, wo du herkommst. Geh dahin, wo du nicht meckern musst. Geh dahin, wo die Cafés groß sind und die Bäckereien nicht nach Bäckerei riechen.

Denn schlimmer als meckernde Einheimische findet der Einheimische meckernde Zugezogene. Die, kaum zugezogen, sich an örtlichen Traditionen vergreifen. Oder es jedenfalls versuchen.

Seit 65 Jahren gibt es in Rottach-Egern in der Südlichen Hauptstraße die Bäckerei Tremmel (im Internet, die Zeit ist ja nicht stehengeblieben, auch unter „Coffee-Shop“ gelistet) und dank eines neben die Bäckerei gezogenen Ehepaares kommt sie gerade groß raus. Schon deswegen kaufen die Rottacher jetzt dort ihre Semmeln, weil die norddeutschen Neubürger einen Anwalt einschalteten, der Bäckerin Evi Tremmel schrieb: „Durch die Geruchsemissionen, die aus Ihrer Backstube täglich in den frühen Morgenstunden über Ventilatoren ungefiltert ins Freie geblasen werden, wird unser Mandant ganz empfindlich gestört“. Die Bäckerin ließ eine Frist verstreichen. Die Kunden sprangen ihr zur Seite. Die regionale Zeitung gibt die Identität des Klägers „zu seinem eigenen Schutz nicht heraus“. Ältere Zugezogene fühlten sich verpflichtet, sich von den neu Zugezogenen zu distanzieren. Und ein Rottacher Komödiant hat ein Lied geschrieben mit der Aufforderung: „dann gehst halt hoam und frisst dei Semmi gfrorn“ (Hochdeutsch: dann geh nach Hause und verzehr dein Brötchen tiefgefroren).

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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