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Times mager Vögelchen

Unter Niveau und einem doch permanent über: Wer an Handyspielen hängt, hat es nicht leicht.

London
„Lass dich von Wetterkapriolen, Schlaglöchern, Staus, Unfällen, Baustellen, Nachtfahrten und Extrawünschen deiner Fahrgäste nicht aus der Ruhe bringen." Okay. Foto: rtr

Wir nennen keine Namen, sprechen aber über ein Spiel, bei dem Vögelchen zunehmend größere Inseln überfliegen soll. Und auch kann, so der Taschencomputernutzer bzw. die Taschencomputernutzerin die Kompetenzen dafür mitbringt. Eine kniffelige Angelegenheit.

Die Tochter von U., 7, der noch der zivilisierte Abstand zu fremden elektronischen Geräten abging, nicht mehr aber die manuelle Fähigkeit, eine fremde App zu öffnen, fühlte sich ebenfalls ad hoc von Vögelchen angesprochen. Ad hoc verstand sie auch, wie sie es in Bewegung setzen konnte, und nach einer Bruchlandung in einer fiesen Mulde hatte sie auch begriffen, wie solche Abstürze zu verhindern waren. Durch Tempo und Weitsicht. Ein paar Minuten später, machen wir uns nichts vor, flog Vögelchen fast nur noch in schwindelerregenden Höhen, Inselbergzipfel weit unter sich, die tückischen Täler gar nicht mehr auf dem Schirm. Die aus Erfahrung für schier unüberwindlich gehaltene Insel 5: Schon sauste Vögelchen über sie hinweg.

Obwohl es pragmatisch erscheint, sich von einem Profi zuweilen ein Stück voranbringen zu lassen, damit überhaupt einmal etwas weitergeht, war die Begegnung mit U.s Tochter von Ambivalenz geprägt. Inzwischen liegt das eine Weile und sogar ein Handy zurück. Auf dem neuen sauteuren Gerät befindet sich bereits das neue dringlich empfohlene Spiel, in dem ein Männlein mit integriertem Blasrohr bewegliche Ziele abschießt, pfeilschnell. Das ist aber nicht martialisch. Laut Einführung handelt es sich bei den Zielen um Monster, aber man kann sie schwer erkennen. Auch handelt es sich um eine Wahnsinnsaction, Männlein, Monster und Patronen (oder was auch immer aus seiner Tröte zischt) fliegen einem nur so um die Ohren.

Auch insgesamt ist das ein merkwürdiger Komplex im Leben. Sich in fortgeschrittenem Alter für Minirechnerspiele zu interessieren, irritiert ebenso wie die Unmöglichkeit, das Würfelchenpuzzle 134 fertigzustellen (denn das neue Gerät macht alles so bequem zugänglich, und die Farben sind brillant). Alles um einen herum bewegt sich zugleich unter und über dem eigenen Niveau. Das ist nicht leicht auszuhalten.

Im Büro erreichen uns seit geraumer Zeit PR-Nachrichten zu einem Bus-Simulatoren-Spiel. Aber wer spielt denn so was? Dort sind jetzt neue Modelle in Planung, wobei es nicht um Marsbusse oder magische Busse oder so geht, sondern um original simulierte Stadtbusse. „Lass dich von Wetterkapriolen, Schlaglöchern, Staus, Unfällen, Baustellen, Nachtfahrten und Extrawünschen deiner Fahrgäste nicht aus der Ruhe bringen. Nein, im Gegenteil: Übernimm die volle Kontrolle über deinen Bus, verdiene Geld und Reputation durch eine sicherer und pünktliche Fahrweise.“ Okay, überzeugt. Verflixt.

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