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Times mager Viele Spitzen

Das Make-up-Schwämmchen ist nicht mehr nötig: Es gibt nun nicht mehr nur rosa, sondern auch braune und bronzene Pointe shoes zu kaufen. Die tägliche Feuilleton-Kolumne.

Ballerina
Eine professionelle Ballerina verbraucht mindestens ein Paar Pointe shoes pro Abend. Foto: rtr

In der Geschichte der Tanzkunst kam der Fortschritt immer wieder mit einem Donnerschlag – auch mit den Buhs, Pfiffen und dem Türenschlagen enragierter Zuschauer. Der Fortschritt machte dabei alles andere als Trippelschritte, gab in Nijinskys „Sacre“ etwa den resolut x-beinigen Bauerntölpel, ließ bei Pina Bausch Tänzerinnen sprechen, sogar Freches sprechen, räumte bei William Forsythe die Körpermitte und Senkrechte als Maß aller Dinge im Spitzentanz einfach ab. Moderner Tanz darf heute alles, ziemlich egal (jedenfalls hierzulande), ob angezogen oder auch unbekleidet.

Nötig ist für den Tanz auf Spitze, der eine Gleichgewichtskunst für sich ist, der aber vor allem existiert, weil er die Beine der Ballerina optisch so schön verlängert, mindestens ein, nun ja, Kleidungsstück: der Schuh. Bisher gab es den nur in Schweinchenrosa, weil der sogenannte „weiße“ Mensch eher schweinchenrosa ist. Mehr oder weniger schweinchenrosa.

Doch allen Widerständen, allem Gerede vom angeblich nötigen einheitlichen Aussehen zum Trotz haben es in den vergangenen Jahrzehnten schwarze Tänzerinnen auch in Ballettkompagnien geschafft, die die großen klassischen Choreographien im Repertoire haben (sie müssen ja nicht ausgerechnet das Schwänchen geben). Diese Ballerinen haben zur optischen Verlängerung der Beine bisher ihre in Rosa gelieferten Spitzenschuhe mühsam mit Schwämmchen und Make-up in ihrem jeweiligen Hautton eingefärbt (Farbe aus der Sprühdose macht die Schuhe zu steif).

Den Arbeitsaufwand und die Kosten kann nur ermessen, wer weiß, dass eine professionelle Ballerina mindestens ein Paar Pointe shoes pro Abend, mehrere Paare in der Woche verbraucht. Grund ist die Sohle, die so nachgiebig sein muss, dass der Fuß sich krümmen kann, die gleichzeitig, senkrecht stehend, so fest sein muss, dass sie das Körpergewicht trägt. Das macht das beste Material nicht lange mit, oft nicht einmal für die Dauer eines großen Ballettabends.

Nun bietet die Londoner Firma Freed erstmals Spitzenschuhe in zwei zusätzlichen Farbtönen an: Braun und Bronze, immerhin. Es mag sein, dass sie nicht genau dem Hautton der betreffenden Ballerina entsprechen, allerdings ist ja auch keine weiße Tänzerin haargenau so rosa wie der Stoff ihrer Schuhe. Kleine Unterschiede stören den ästhetischen Gesamteindruck nicht.

Die braun-bronzenen Schuhe selbst mögen zwar als Trippelschritt erscheinen, aber sie sind ein Zeichen dafür, dass schwarze Ballerinen zunehmend in bisher reinweiße Ensembles engagiert werden. Denn auch wer der Kunst das Handwerkszeug liefert, muss den Markt im Blick haben.

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