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Times mager Tsundoku

Wetten, Sie denken jetzt sofort an Sudoku. Dabei ist Tsundoku etwas ganz ganz anderes.

Sudoku
Nein, nicht Sudoku. Ganz falsch. Foto: Imago

Zufälligerweise – und es hatte nichts mit den gegenwärtigen Ereignissen auf dem Frankfurter Messegelände zu tun, denn wäre dies der Fall, befände sich dieser Text auf den dafür vorgesehenen Extraseiten B1-8 –, zufälligerweise kam das Thema also auf Bücher. Zufälligerweise ging es dabei um große Mengen Bücher (was zugegebenermaßen wirklich ein großer Zufall ist) und zwar (es ist nicht zu fassen) um ungelesene Bücher in großen Mengen. Ungelesene Bücher in großen Mengen befinden sich in der Tat jedoch ebenso in zahlreichen Privathaushalten – auch wenn sich ihre Besitzer just in diesen Tagen voraussichtlich nicht dort befinden, aber das ist wie gesagt ein anderes Thema –, und dieses eigenwillige und leider auch eigendynamische Phänomen heißt Tsundoku. Die „New York Times“ machte jetzt auf dieses zusammengesetzte japanische Wort aufmerksam (und hatte keine andere Ursache dafür als ihr Interesse an Büchern).

Bei Tsundoku handelt es sich demzufolge um die nicht geringfügige Anschaffung von Büchern, welche man dann (vorerst) nicht liest, sondern stapelt. Nun, das trifft den Nagel auf den Kopf.

Im Prinzip scheint das etwas Unerfreuliches zu sein. Theoretisch, weil kein Mensch eine auch nur etwas größere Bücherei durchlesen kann. Selbst eine spektakuläre (fiktive) Leseleistung von 300 Büchern im Jahr (das sechsfache dessen, was für berufstätige Menschen als realistisch anzunehmen sein dürfte) und eine Lebenslesezeit von sagenhaften 90 Jahren brächte einen nicht einmal in die Lage, eine „typische hauptamtlich-fachlich geleitete Öffentliche Bibliothek in Deutschland“ durchzulesen, nämlich 30.000 Bände (im Schnitt laut Deutscher Bibliotheks-Statistik für 2015). Zu Hause vor den Bergen seiner nicht gelesenen und nicht zu lesenden Bücher zu stehen, müsste den Alphabeten verzweifeln lassen. Praktisch kommt hinzu, dass Bücherstapel eine berüchtigte Instabilität besitzen, sie stürzen und gleiten, reißen Kaffeetassen und Erdnussschälchen mit sich.

Tatsächlich aber verhält es sich anders. Tsundoku ist etwas, das auch Personen, die das Wort nicht kennen (also alle), praktizieren können, ohne sich im mindesten unbehaglich dabei zu fühlen. Buchbesitz ist ein Versprechen und eine Chance sondergleichen, der bekannte Büchersammler Alfred Edward Newton (1864–1940) nannte die pure Gegenwart von Büchern Trost, den ständigen Zugang zu ihnen Beruhigung. Denn: Welches Buch brauche ich als nächstes? Könnte es dieses dort sein? Dass das den Interessen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in die Hände spielt, tut hier nichts zu Sache. Wäre es der Fall, hätten Sie all dies auf den Seiten B1-8 gelesen.

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