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Times mager Triangel

„Ich komm’ erst auf Seite neunundachtzig dran /Ja, an Zeit hab’ ich keinen Mangel / Ich könnt’ ja was lesen, doch da schaut er mich an  / Und schon steh’ ich auf und mach’: [ping]“. Die Triangel wird nicht sehr geachtet. Unfair!

Sein 1. Klavierkonzert von 1849 enthält das wohl erste Triangelsolo der neuzeitlichen E-Musik: Franz Liszt. Foto: Imago

Der (die, das!) Triangel hat Imageprobleme, die heute auch damit zusammenhängen könnten, dass viele im Kindergarten schon einmal auf sie (ihn) hauen durften. Dies wird – anders als beim Xylophon – nicht nur wegen eigener Unzulänglichkeit ohne die Aussicht auf eine melodische Tonabfolge geschehen sein, die bei diesem Instrument gar nicht vorgesehen ist. In der Clownscombo spielt der Dümmste die Triangel.

Dass Franz Liszts 1. Klavierkonzert (1849), welches das wohl erste Triangelsolo der neuzeitlichen E-Musik enthält, zuweilen als Konzert für Klavier und Triangel bezeichnet wurde, war Hohn und Spott und zwar sowohl gegen Liszt als auch gegen die Triangel. Später folgte Georg Kreislers unverschämter Song „Das Triangel“ („Ich komm’ erst auf Seite neunundachtzig dran“). Selbst dass der Duden dem (der) Triangel drei Geschlechter zubilligt, wird ihm (ihr) nicht als Reichtum ausgelegt, vielmehr heißt es dann: Das Dingelchen hat nicht mal einen bestimmten Artikel.

Kurzum wird über den (die, das) Triangel ohne das Bewusstsein gesprochen, dass es sich hierbei um den „wichtigsten Vertreter in der Gattung der Stäbe mit unbestimmten (!) Tonhöhen“ handelt, „den einzigen ungestimmten (!) metallenen Klangstab und gleichzeitig das einfachste und, als Diskant der Schlagzeuggruppe, höchste Orchesterinstrument“. Man hört Ermanno Briner, den Autor von Reclams Musikinstrumentenführer, geradezu stöhnen, wenn er beklagt, dass der Triangel (Briner legt sich fest!) „unkorrekterweise oft an das Notenpult eines Schlagzeugers gehängt wird, so dass es hinter den Rücken der davorsitzenden Orchesterkollegen verschwindet“. Der Musiker muss vielmehr aufstehen, wobei „das Aufstehen zwecklos ist, wenn der Triangel, wie oft zu sehen, doch noch vom Notenpult verdeckt bleibt“.

Viel Unkenntnis, begreift man, begleitet das Triangelspiel. Dabei bietet es „freudigen Glanz“ und „überstrahlt auch das gesamte Orchester, dem er Klangkronen aufsetzt“ (Briner).

Und wahrlich, als sich am Montagabend der mit der Triangel befasste Schlagwerker, der mindestens bis Seite neunundachtzig neben seiner Triangel und dem sinnig auf einem filzbezogenen Tischlein gelagerten Stahlstab abgewartet hatte, erhob, die Triangel korrekt über sämtliche Köpfe hinweg hielt und den behutsam ergriffenen Stahlstab zwischen ihren Seiten hin- und hersausen ließ, da konnten die Geigen geigen und die Posaunen posaunen, da sah und hörte doch jedermann im großen Saal bloß ihn. Und wenn er jetzt gepatzt hätte, wäre ja doch alles, alles verhunzt gewesen.

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