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Times mager Tipp

Nicht nur der Knallzeuge dokumentiert: Auf seine Augen und sein Gedächtnis kann man sich nicht verlassen.

Treppen
Treppen können interessant sein - im Fall des Bühnenbildes waren sie es nicht. Foto: rtr

Ein Knallzeuge ist der, der sich umgedreht hat, als es knallte. Er kann nicht gesehen haben, wie es passiert ist, aber er ist sich seiner Sache so sicher wie unsereiner, wenn es in der Wette darum geht, dass die Moselreise 2012 stattgefunden hat. Warum das Smartphone über dem kleinen Gruppenbild das Jahr 2014 einblendet: Keine Ahnung.

Keine Ahnung auch, wie viel Arbeitszeit kürzlich darauf verwendet werden musste, das Duell aus „Zwölf Uhr mittags“ als Video zu finden. Alle Anwesenden hatten es doch schon zigmal gesehen, aber in der Form, in der sie es gesehen hatten, zeigte es sich partout nicht. Statt der erwarteten Duellszene gestaltete sich alles als Kuddelmuddel & Shootout, im Zentrum Amy, die so lange am Oberbanditen herumzappelt, dass Kane ihn zwischendurch erschießen kann. Das ist jetzt allerdings auch wieder ein paar Tage her. Vermutlich war es ganz anders.

Immer wieder ist es schwierig, damit fertigzuwerden, dass ausgerechnet die nächsten und vertrautesten Mittel, mit denen man die Welt zur Kenntnis nimmt – die Augenzeugenschaft und die Erinnerung –, wenig Besseres zu tun haben, als einen übers Ohr zu hauen. Wie ist es möglich, dass ein Bühnenbild so eindeutig aus einer großen geraden Treppe bestand, und diese Treppe eilte ein junger Mann, fast ein Kind noch, immer wieder hoch und runter, sportlich und gleitend – und nun, ein paar Jahre später, nimmt die Treppe eine Biegung, wird selten betreten, kommt eh selten ins Bild. So dreimal. Oder zweimal. Besonders groß ist sie nicht. Ja, doch, auch ein Kind geht sie hoch, einmal. Die Treppe ist ungefähr das Uninteressanteste an dem insgesamt sehr interessanten, detailreichen Bühnenbild.

Ein Knallzeuge wird vom klugen Ermittler rasch durchschaut. Er wird ihn fragen: Wann haben Sie sich denn umgedreht? Der Knallzeuge, die ehrliche Haut, wird kooperativ ausrufen: Sofort als es knallte. Der Ermittler wird seufzen und sich anderweitig umsehen. Unsereinem hingegen ist nicht zu helfen. Von „Zwölf Uhr mittags“ muss es unterschiedliche Fassungen geben. Und Sie glauben also, dass es sich nicht um eine gerade oder einmal gebogene Treppe, sondern um eine Wendeltreppe handelt? Folgen auch Sie den seltsamen Windungen Ihres Gedächtnisses und schauen Sie sich Richard Jones’ zehn Jahre alte Inszenierung von Benjamin Brittens „Billy Budd“ am 9. Juni noch mal selbst in der Oper Frankfurt an. Jetzt mit dem sensationellen Björn Bürger. Es lohnt sich auch, wenn Sie zu denen gehören, die seit Jahren behaupten, das sei eine Inszenierung von Christof Loy. Da muss man sich vor allem immer sagen: Wenn ich mich irre, steht es wenigstens nicht gleich in der Zeitung.

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