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Times Mager Tanzkünstlerin

Tänzer müssen sich Dinge abgucken können – wenn sie sich nicht aufs Abgucken, aufs Lesen fremder Körper, aufs Nachahmen wie ein Kind fabelhaft verstünden, wären sie keine Tänzer.

ILLUSTRATION-DANSE
80 Jahre alt: die Brasilianerin Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva, bekannt als Marcia Haydée. Foto: BORIS HORVAT (AFP)

Der Tanz ist die flüchtigste aller Künste. Wie keine andere hängt er von den Ausübenden ab, von einer Weitergabe von Mensch zu Mensch, von Körper zu Körper, durch gemeinsame Mühe. Kein Tänzer kann vom Blatt tanzen, jede Tänzerin braucht die Aufmerksamkeit und Erfahrung jener, die diese Kunst schon vor ihr ausgeübt haben. Alle Tänzer müssen sich Dinge abgucken können – wenn sie sich nicht aufs Abgucken, aufs Lesen fremder Körper, aufs Nachahmen wie ein Kind fabelhaft verstünden, wären sie keine Tänzer.

Und wenn sie dann noch etwas Eigenes dazutun (können), werden sie zu großen Künstlern. Warum uns das heute einfällt? Heute wird eine der größten Ballerinen des 20. Jahrhunderts 80 Jahre alt, die Brasilianerin Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva, bekannt als Marcia Haydée und einst mitwirkend am sogenannten Stuttgarter Ballettwunder – vielmehr es auch noch rettend nach dem plötzlichen Tod des Choreografen John Cranko. Nicht einmal annähernd können DVDs und YouTube-Filmschnipsel den Live-Eindruck einer Tanzaufführung ersetzen, diese unbedingte Präsenz der Körper, die auch immer eine unvollkommene, eben menschliche ist – und eine darstellende. Marcia Haydée, sieht man sie sich heute auf Film an (und heute wäre in der Tat ein guter Anlass), überbrückt unsere Entfernung zu ihr über das Medium und die Zeit hinweg. Das ist ihre Kunst, eine der vollendeten Expression. Man sieht, wie sie Julia, die Kameliendame, die Widerspenstige bis in die Fingerspitzen verkörpert, wie sie als leibhaftige Boléro-Melodie von innen glüht.

Was also macht eine, macht diese große Ballerina aus? Die Fähigkeit zu 32 Fouettés? Manchmal. Die perfekte Spitzen-Balance? Auch. Die Illusion, diese Leichtigkeit wäre ohne Schweiß und Schmerzen zu haben? Auch. Vor allem aber diese Momente, in denen die Arme gerade noch schweben, die Füße Freude oder Bestürzung tanzen, diese Momente, in denen Julia ihrem Romeo die Hand reicht wie ein scheues Vögelchen, in denen sie einfach staunt über das flatternde Herz in ihrer Brust, in denen ihr vor Glück die Beine nachzugeben scheinen – oder ist es nur ein Scherz, den sie sich mit ihrem Romeo erlaubt? Kann ein Körper sprechen? Und wie!

Marcia Haydée musste eigene Auftritte mit ihrer flüchtigen Kunst naturgemäß aufgeben (doch man schaue sich an, wie sie noch mit Anfang 50 die Julia tanzt); man kann aber eigentlich sicher sein, dass sie die Tänzer ihres Ballets de Santiago weiterhin mit ihrer Erfahrung und Leidenschaft beschenkt.

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