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Times mager Tag für Tag ist Endspiel

Natürlich ist dem Fußballfan die überragende Bedeutung eines Balles in diesen Tagen kurz vor dem Endspiel der WM bewusst.

Ballkunst
Der Fußballfreund hält den Ball hoch, balanciert ihn auf dem Kopf - einunddreißig, zweiunddreißig... Foto: imago

Tag für Tag ist Fußballtag, das muss man dem Fußballfan nicht sagen, und wie jeder Fußballfan lebt er nicht mal so in den Tag hinein. Damit es gar einer werde wie kein zweiter (Aufbruch, um es gleich zu sagen), nimmt sich der Fußballfan besonders viel vor, zumal er ziemlich angeschlagen ist. Ob nun wegen der Entwicklung des Fußballs – und wegen der Weltentwicklung sowieso. Alles nur noch absurd.

Umso wichtiger, dass er nicht wie beschwert durch die Straßen seines kleinen Stadtquartiers läuft. Nicht mit bleischweren Beinen oder hängendem Kopf will er sich dahinschleppen, vielmehr wie beschwingt soll es aussehen. Womöglich gar wie bezaubert, wenn man ihn fragt – oder während man ihm, das wäre das Beste, so zusieht, die Straße rauf und runter, dort, wo der Fußballanhänger ebenso zu Hause ist wie sie. Und das kann nur heißen, all diejenigen, die in den Fenstern liegen, ob nun mit ihren mächtigen Körpern oder mit ihren noch mächtigeren Körperbemalungen.

Was für ein Bild! So stellt es sich der Fußballfreund jedenfalls einfach mal vor. Wie die ganze Straße ihm zusieht, wie sie ihm zujubelt. Feiert? Während er durch die Straße läuft, wo er doch den Ball hochhält – auf dem Fuß balanciert, einunddreißig, zweiunddreißig, auf dem Kopf balanciert, hundertsiebzehn, hundertachtzehn. Hundertneunzehn Ballkontakte, ohne dass der Ball zu Boden fällt. Ballberührungen, ohne dass der Ball mit dem Balancierenden macht, was er will, was der Ball gerne macht. Fußballeralltag.

Denn natürlich ist einem jeden Fußballfan die überragende Bedeutung eines Balles in diesen Tagen bewusst. Und so ist es überhaupt nicht gleichgültig, wenn der Ball im Mittelpunkt aller Bemühungen steht. Wenn der Fan den Ball mit dem Fuß streichelt und auf dem Kopf herumtanzen lässt. Denn wer darf das schon, dem Fan auf dem Kopf herumtanzen?

Dreihunderteins. Und auch wenn dem Fan vielleicht allmählich der Kopf brummt, so denkt er doch bei sich: Bürger, lasst das Glotzen sein, schaut herunter, tut Putin einen rein. Objektiv, von einem Fernsehzimmer und erst recht von einer höheren Warte aus ist diese Inszenierung mindestens beides, eine lächerliche Jonglage, eine todtraurige Clownerie. Der Ball tanzt, auf dem Fuß, auf dem Oberschenkel, auf dem Kopf – und da, in diesem Moment, ruft es zu einem der besonders lauten Fußballfernsehzimmer hinaus:

Wir alle werden verrückt geboren. Manche bleiben es. So, ruft ein Mann, mehr Asket als ein Athlet im Fenster: Das sagte schon Samuel Beckett. Also weiter da unten, nicht warten, weitermachen, ruft der Mann: Immer weiter, denn Tag für Tag ist Endspiel.

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