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Times mager Sudoku

Das Times mager ist auch nur ein Mensch, und Menschen haben die Eigenschaft, andere Menschen nach deren Aussehen zu sortieren.

Schubladendenken
Menschen neigen dazu, andere Leute in bestimmte Schubladen zu stecken. Foto: imago

Das Times mager ist ohne Zweifel multikulturell, man merkt das schon am Namen. Vielleicht fällt Ihnen das schon gar nicht mehr auf, aber stellen Sie sich nur vor, das Times mager hieße „Zeiten skinny“, dann verstehen Sie erst recht, was gemeint ist. Das wäre also geklärt. Aber natürlich ist das Times mager auch nur ein Mensch, und Menschen haben die Eigenschaft, andere Menschen nach deren Aussehen zu sortieren. Gut ist das nicht, denn leicht fängt man an, die Leute in bestimmte Schubladen zu stecken (natürlich nur im übertragenen Sinn), nur weil sie ein Kopftuch tragen oder einen Bart oder zwei Handys oder diese schrecklichen Slipper.

Das alles ist nicht fair, aber andererseits: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen ahnungslos in der U-Bahn mit Ihrem Sudoku auf dem Schoß, also Sie sitzen, und auf dem Schoß liegt das Sudoku. Es klemmt ein bisschen, nicht das Sudoku auf dem Schoß, sondern es klemmt in Ihrem Kopf, Ihnen fällt keine richtige Zahl mehr ein. Und dann setzt sich diese Japanerin hin. Direkt gegenüber, Blick auf was? Richtig.

Jetzt denken Sie selbstverständlich: Fair ist das nicht. Sudoku! Japanerin! Oder ist sie gar keine Japanerin? Wie komme ich eigentlich dazu, Japanerin zu denken? Hat mich nicht Kollegin C. in Berlin für einen Schwaben gehalten, als ich für sie einmal Hessisch sprach? Nachdem Sie das gedacht haben, gefrieren Ihnen endgültig die Zahlen im Hirn, jetzt erst recht, und dann kommen Gedanken, schwere, lähmende Gedanken.

Waren es nicht die Japaner (und -innen), die das Sudoku erfunden haben? Ist es nicht höchst wahrscheinlich, dass diese Frau, falls sie wirklich eine Japanerin sein sollte, jede richtige Zahl schon kennt, bevor sie genau hingeschaut hat, so wie der Priester das biblische Wort und der Muslim jede Sure des Korans, jedenfalls vielleicht? Wer soll unter diesem Druck ein Sudoku lösen, das vielleicht für die Japanerin, falls sie eine ist, aber nicht für den Mitteleuropäer leicht zu lösen ist? Die Antwort: Keine Ahnung.

Jetzt holen Sie Ihr koreanisches Telefon aus der Tasche und googeln, was soll man machen. In Ihrem Telefon steht unter anderem: „Sudoku (kurz für Suji wa dokushin ni kagiru, wörtlich so viel wie ,Isolieren Sie die Zahlen‘) ist eine Gattung von Logikrätseln, die aus den lateinischen Quadraten entstand.“ So fängt es schon an: „lateinische Quadrate“. Und jetzt: „Die moderne Form des Sudoku wurde von Howard Garns erfunden.“

Um es klar zu sagen: Howard Garns (1905–1989) war kein Japaner, denn er stammte aus Connersville, Indiana. Die Japanerin, falls sie eine war, lächelte freundlich und stieg aus.

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