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Times mager Stürze

Ein Schepperchen, ein helles Zing. Was ist passiert?

Fahrradklingel
Solange die Klingel noch lächeln kann, ist alles gut. Oder? Foto: Imago

Ein kleiner Lärm. Ein Schepperchen mit einem hellen Zing am Ende. Wo war’s? Auf der Straße: Der Junge, vielleicht acht, ist mit dem Fahrrad hingeknallt. Das Zing war die Klingel. Der Bruchpilot überlegt, ob er weinen soll. Nein. Die ausgestreckte Hand ergreift er gern, aber ernst.

Im Stehen folgt die gemeinsame Inspektion betroffener Extremitäten. Das Knie wirkt angeschlagen, blutet aber nicht. Okay? Der Junge schüttelt den Kopf. Tut weh? Er nickt. Eine ruchlose Knabenszene hat den Vorfall vom Spielplatz aus verfolgt. Jetzt kommen die Kerle und deuten auf die Antriebskette des Fahrrädchens. Vom Zahnrad gesprungen.

Plötzlich ist alles wieder da. Wie es einst als unmöglichste Sache der Welt erschien (außer Schwimmen im Tiefen), mit einem Fahrrad zu fahren ohne umzufallen und höchstwahrscheinlich zu sterben. Wie die Mutter behauptete, sie halte das wackelige Ensemble hinten am Gepäckträger fest – dabei fuhr man, wie sich herausstellte, schon seit Metern ganz allein! Bevor man dann vor Schreck trotzdem umfiel, dabei jedoch vorläufig nicht starb.

Wie es auch damals eine ruchlose Knabenszene gab, die den Spielplatz regierte. Wer einen Hüpfball besaß, konnte nicht sicher sein, ihn wieder heimzubringen. Hatte es geregnet, war der Sandkasten voll Wasser. Einmal stieg der große Junge, der keine Arme hatte, barfuß hinein. Als er herauskam, lief ihm Blut in Strömen aus beiden Füßen. Wer Glasbruch auf einem Kinderspielplatz verursacht, soll für immer einen platten Hinterreifen haben.

Aber dann auch die himmlische alte Dame, die in der Sekunde erschien, als die erste eigene Kurve auf Kies misslang. Ein kleiner Lärm, ein Zing – aus dem Nichts stand sie da und servierte Himbeerbonbons. Ein Engel. Sie verschwand, wie sie aufgetaucht war. Man durfte zwar keine Bonbons von fremden Damen annehmen, aber für Engel gab es keine offizielle Regelung.

Heutige Helfer haben nur Papiertaschentücher zur Hand, mit denen sie Fahrradketten wiedereingliedern. Die allein an Fahrzeugen interessierte Knabenszene verschwindet mit dem Vehikel und lässt ein noch winzigeres zurück. Der gestürzte Junge schildert einen akuten Fall von Übervorteilung, in dem zwei Fahrräder die Hauptrollen spielen, ein kleines, ein ganz kleines, sowie eine unangemessen niedrige Geldsumme als Ausgleichszahlung. Quasi beklaut hätten sie ihn.

„Hast du noch ein Taschentuch?“, sagt er. Fürs Knie. Blutet aber immer noch nicht. Tut weh? Und wie. Je mehr die kleine Seele redet und immer neue Themen sucht, desto klarer wird, dass daheim niemand zuhört. Zum Abschied ein Lächeln und eine Frage. „Schenkst du mir einen Euro?“

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