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Times mager Strandleben

Wenn Geschwister sich in Extremlagen erleben, ist das stets delikat und kann später auf sie zurückfallen.

People enjoy bathing at the beach at Sankt Peter Ording at the North Sea
Das Leben vom Strandkorb aus ist vollgesogen mit Soziologie, Psychologie und archaischen Konstellationen. Foto: rtr

Wer ein paar Jahre nicht im Strandkorb an der Nordsee saß, hat vielleicht aus dem Blick verloren, wie grundsätzlich sich hier das Leben zeigt. Zunächst fällt bloß auf, dass es immer schicker wird. So gibt es einen neuen Typus von sich selbst aufblasenden Luftsofas, deren Benutzer einem zunächst leidtun, weil man an den Erfolg nicht glauben kann. Anscheinend soll er sich einstellen, indem man das farbenfrohe Läppchen in den Wind hält. Dann funktioniert es aber und zwar bei starkem, geringem und keinem Wind (dem, was man an der Nordsee gemeinhin keinen Wind nennt).

Das klassische Plopballspiel ist rückläufig, dafür zeigt sich eine enervierend unrhythmische Spielart, bei der der Schläger den Ball schnappt und verschlingt und nachher auf eine wegwerfende Bewegung hin wieder ausspeit. Ferner weicht das klassische Boccia einem Spiel mit Holzstäben, das mit Leidenschaft bis in die Nacht und mit Wutanfällen bis in die totale Blamage gespielt wird. So dass man begreift, warum kleine Jungen und auch kleine Mädchen wenigstens einen Teil ihres Urlaubs fern ihres gewohnten Umfelds verbringen sollten. Und auch begreift, wie delikat es ist, dass Geschwister einander in solchen Extremlagen erleben und später darauf zurückkommen können. Wenn man schreit wie am Spieß, weil man in etwas unsichtbares Spitzes getreten ist. Wenn die Schwester einen mit dem Schnappschläger in die Nase gezwackt hat und aus Spaß blutiger Ernst wird, ohne dass ein Tropfen Blut fließt. Wenn man an einem jammervollen Sandhaufen werkelt, während der große Bruder einen Berg geschaufelt hat. Jetzt baut er den Berg zu einem Thron für sich aus. Wenn man vom Luftsofa geschubst wird.

Darum schwören Schwestern ewige Rache. Darum hauen kleine Brüder große Brüder mit Schaufelstielen ans Bein. Darum jagen große Brüder kleine Brüder durch den Sand, und der Vater lacht, aber die Söhne lachen nicht. Den Eltern entgeht das literarische Potenzial solcher Situationen vollständig. Das hat damit zu tun, dass an der Nordsee selten Blut fließt und wenige echt spitze Gegenstände im Sand liegen. Kommt es einmal doch dahin, braust der Rettungswagen mit Blaulicht herbei, motorbetrieben. Das sieht man hier so selten wie Blut und spitze Gegenstände, die Sensation ist perfekt, und kleine Jungen hören praktisch automatisch auf zu weinen.

Das Leben vom Strandkorb aus ist vollgesogen mit Soziologie, Psychologie und archaischen Konstellationen. Dabei aber lässt man sich den Wind um die Nase wehen, schaut schlapp auf die Quiekenden, Kichernden und Leidenden und schläft zwischendurch ein.

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