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Times mager Stille Dinge

Theodor Fontane empörte die Alleskorrigierer, Prinzipienreiter und Stilblütennotierer.

Theodor Fontane
Ein „Allesnotierer“ und „Vielkorrigierer“ bei der Arbeit: Theodor Fontane. Foto: epd

Er sei ein „Allesnotierer“ gewesen, ein „Vielkorrigierer“ obendrein, so hat soeben eine Kennerin über ihn gesagt, die sich im Brandenburgischen auf ein Jubiläum vorbereitet, ihm zu Ehren, zum 200., im nächsten Jahr. Eine treffliche Reminiszenz, eine feine Vignette, die den ganzen Theodor Fontane in zwei Wörtern aus seinem Geist zeigt, wo er es doch mit zusammengesetzten Wörtern hatte. Ein hochpatenter Worterfindungsreichtum bei ihm, das hatte auch damit zu tun, dass er auf die Dinge anders schaute als seine Umgebung. Seine Umgebung? Seine Mitmenschen. 

Fontanes Blick auf die Welt gewöhnte daran, dass es sich auch bei so einer Materie wie einer Straße nicht etwa um eine tote Materie handelte. Doch kaum schrieb er über „lauter stille Häuser“, hoben postwendend die Alleskorrigierer den Zeigefinger. Auch waren dann die Prinzipienreiter und Stilblütennotierer hinter ihm her, triumphierend. Denn können Häuser still sein? Im Prinzip nicht. Doch wie arm wäre nicht nur die Fontane-Leserschaft dran, wenn sie es allein mit stillen Menschen zu tun bekäme. Lauter stille Häuser, wenig stille Straßen, wenig stille Städte. Der Fontane-Leser hat gelernt, sich auf das Wort still näher einzulassen, und er ist dann nie enttäuscht worden. 

Theodor Fontane, der 1819 im brandenburgischen Neuruppin geboren wurde, so dass im kommenden Jahr Jubiläumsjahr sein wird, bei dem nicht nur im Brandenburgischen (oder Neuruppin) Komposita wie „Weltverbesserungsleidenschaft“ oder „Zärtlichkeitsallüren“ in Umlauf sein werden, hat sich als eine insgesamt robuste Klassikerexistenz erwiesen; wiewohl sein Semikolonfaible belächelt wurde. Und obwohl sein allemal kurioser Gebrauch der Konjunktion „trotzdem“, auch wenn die Verbindung von Haupt- und Nebensatz es verbietet, per Rotstift verfolgt wurde. 

Er wurde als Unterhaltungsautor abgetan, und wenn er als bürgerlicher Realist bezeichnet wurde, dann geschah das in der Epoche einer Literaturwissenschaft, die die Totalität des gesellschaftlichen Lebens bei ihm dann doch nicht ausreichend aufgeschrieben sah. Im Anschluss an diese Ära, die rund vierzig Jahre zurückliegt, setzte sich die Einsicht durch, dass dieser Autor nicht nur viel von Berlin und Deutschland gesehen hatte, sondern enorm viel von Europa. Darunter viele laute Städte, auch lärmende Schlachtfelder. 

Weltverbesserungsallüren versagte er sich, auch wenn er Mitleid zu zeigen bereit war. Er dachte von den Menschen nicht bürgerlich; er tat es realistisch. Zärtlichkeit war eine dezente Leidenschaft, die er sich in seinen Theaterkritiken hier und da nicht versagte. 

Immer stiller und stiller ließ er schließlich in seinem „Stechlin“ die Dinge vor sich gehen. 

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