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Times mager Speisepläne

Wann genau müssen Eltern noch gleich eingreifen, wenn ihre Kinder herumfantasieren?

Primel
Primeln hat das Mädchen für Dienstag auf den Speiseplan geschrieben. Mit den Feuersalamandern, die sich vor allem von Insekten ernähren, wird sie nicht darum ringen müssen. Foto: imago

Jetzt ist es doch Frühling, sagt das kleine Mädchen. Ja, sagt die Mutter, mehr oder weniger. Ab morgen können wir also Blumen essen, sagt das Mädchen. Okay, sagt die Mutter. Und das kleine Mädchen stellt, mit Hilfe seiner Mutter und einer Bekannten, einen Speiseplan auf.

Am Montag gibt es Schneeglöckchen, die wachsen gleich neben der Haustüre und gleich unterm Briefkasten. Am Dienstag die zartgelben Primeln. Der Haselbusch daneben kann mit seinen Kätzchen ein wenig Streusel beisteuern. Am Mittwoch ist ein Ausflug in den Wald möglich, zu den Buschwindröschen. Und am Donnerstag zu den Leberblümchen, sagt das kleine Mädchen. Die gefallen mir am besten, also müssen sie auch am besten schmecken. Nun ja, sagt die Mutter.

Und am Freitag essen wir Tulpen, jubelt das Mädchen. Die müsst ihr aber im Laden kaufen, sagt die Bekannte, die sind im Garten noch nicht so weit. Dann warte ich, sagt das kleine Mädchen vernünftig. Und: Aber dann mag ich am Freitag Krokusse. (An dieser Stelle werfen sich die Erwachsenen besorgte Blicke zu: Müssen sie nun langsam darauf hinweisen, dass es giftige Pflanzen gibt? Oder ist das Blumenessen für das Kind immer noch ein bloßes Gedankenspiel? Weißt du, beginnt die Mutter ein ernstes Wort ... Hier blenden wir nun aber aus.)

In diesen Tagen kommt auch eine alteingesessene Frauenzeitschrift bestimmt mit ihrer Frühjahrsdiät heraus, vielleicht wird auf den Fotos dazu mit dem ein oder anderen Blümchen dekoriert, bestimmt aber fallen die Wörter „Bikinifigur“ und „leichte Küche“. Oder ist die Frühjahrsdiät out und der Bikini dazu? „Stil ohne Stress“ titelt die Frauenzeitschrift, das klingt nicht nach Aufbruch. Angekündigt wird aber fürs nächste Heft immerhin: „Der perfekte Start in den Frühling – stärker, sportlicher, gesünder, gelassener.“ „Gelassener“ ist vermutlich erst seit ein paar Jahren dabei.

In diesen Tagen intensiviert aber auch eine Firma ihre Online-Werbung, die ein durchaus reizvoll klingendes, womöglich aber im Ergebnis nicht ganz ungefährliches Angebot macht: „Legale Steroide, die Männer in Tiere ohne Übung verwandeln“. Nicht sicher kann man aus diesem kühnen Satzbau schließen, ob die Männer fürs Tiersein vorher nicht üben müssen (z.B. weil sie das Talent mitbringen). Oder ob aus ihnen Tiere werden, die erstmal improvisieren müssen. Letzteres mag im Frühling einerseits leichter (beflügelnde Gefühle) und andererseits schwerer (der Nestbau z.B.) sein. Mancher wartet da lieber bis zum Sommer.

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