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Times mager Sitzwipper

„Darf ich mal!“ sagt der Ankommende, drängelt und macht sich auch sonst unbeliebt.

Mokassins
Behaupten Sie bitte nicht, Sie hätten schon gewusst, dass man Mokassins mit einem k und drei s schreibt. Foto: imago

Merke: Sind Sekunden vor Veranstaltungsbeginn nur noch zwei einzelne Plätze im ganzem Saal frei, wird sich nicht die schlanke Brünette neben dich setzen. Es muss schon der Typ mit der Spiegelbrille und der fetten goldenen Uhr sein. Der mit den nackten Füßen in Mokassins.

Man hat hier schon vom Phänomen hustender, Bonbons auspackender, lauthals flüsternder, das eigene Telefonklingeln demonstrativ verleugnender Opern- und Theaterbesucher gelesen. Zu Recht. Es ist die Pflicht einer guten Tageszeitung, derlei Missstände in Schauspielhäusern anzuprangern. Vergessen wir dabei aber bitte nicht jene Menschen, die sich in feierliche Eröffnungszeremonien neugestalteter Naturkunde-Forschungsstätten der internationalen Spitzenklasse verirren.

Als Entree empfiehlt sich die Frage, nein, die Feststellung „Darf ich mal!“ – perfekt in die ersten Worte des ersten Festredners platziert und mit der Stimmlage eines aus dem Schlaf gerissenen Braunbären geäußert. Natürlich darf er, natürlich wird er als Erstes die gemeinsame Armlehne annektieren, und zwar überlappenden Ellenbogens bis in die vierte, fünfte und sechste Rippe des Nachbarn.

Sodann wird er die Beine unter den Stuhl der Vorderfrau strecken und seine Mokassins abstreifen. Dass er zur Sonnenbrille ein Herrenparfüm trägt, das dezent zu nennen etwa so zutreffend wäre wie die Aussagen deutscher Verfassungsschutzmitarbeiter in Verfahren gegen rechtsextreme Straftäter, versteht sich.

Noch ehe das Wasserglas auf dem Podium für den zweiten Festredner getauscht ist, wird der im hellen, hochgekrempelten Blazer erschienene Sitzwipper anfangen zu gähnen und dabei die Faust vor dem Munde schwingen, dass der ganze Kerl erbebt. War spät gestern. Den gravitätischen Worten des Ministerpräsidenten wird er ein Nicken schenken, garniert mit einem festen „Genau!“, weitere vier Mal gähnen und wieder nicken, aber diesmal ein-. Sanft kippt sein Körper zur Seite. Es kann nur eine Richtung geben.

Vom aufbrandenden Beifall geweckt, wird er schließlich ebenfalls in die Hände klatschen, wobei er den Ellenbogen auf die Armlehne des Stuhls stützt – ja, jenes Stuhls, auf dem sein Nächster kauert, welchen er mit jedem Hieb mehr in Erschütterung versetzt. Die Leserlichkeit der Notizen, die sich der gut geschüttelte Nachbar macht, leidet ein wenig darunter, aber bis hierhin stimmt’s ungefähr. Anschließend zieht der Dicke seine Schuhe an und geht. Das ist ja das Schöne an ihm: Bis zum Ende hält er’s eh nicht aus, denn womöglich ist das Büfett schon eröffnet.

Und jetzt behaupten Sie bitte nicht, Sie hätten schon gewusst, dass man Mokassins mit einem k und drei s schreibt.

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