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Times mager Selfie mit Gott

Kann es sein, dass eine Kirche wenn schon nicht zum Gottesdienst, dann zur Besinnung gedacht ist?

St.-Hedwigs-Kathedrale
Auch in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale geht es nicht immer besinnlich zu. Foto: imago

Am Karfreitag nach der Arbeit war ich in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale. Mir war nach Besinnung. Und den Gottesdienst hatte ich verpasst. St. Hedwig liegt auf meinem Heimweg.

Leider wurde aus dem Augenblick der Stille nichts. Denn nachdem ich auf einer der Kirchenbänke Platz genommen hatte, begannen zwei Frauen links von mir, ihre Smartphones als Kameras zu benutzen. Sie filmten – ich weiß nicht was. Rechts von mir hörte ich das Whatsapp-Pfeifen auf dem Handy eines Mannes, der soeben eine neue Nachricht empfangen hatte. Ich forderte alle drei recht energisch auf, mit ihrem Treiben doch bitteschön aufzuhören. „It’s a church“, sagte ich wütend. „It’s not for playing.“ Sie schauten mich mit großen, verständnislosen Augen an. Es schien sich um Touristen zu handeln, weshalb ich ins Englische verfiel. Überhaupt schien ihnen der Gedanke fremd zu sein, dass eine Kirche, wenn nicht zum Gottesdienst, dann doch zur Besinnung bestimmt ist.

Ein Einzelfall ist das keineswegs. In New York sah ich kürzlich einen Mann, der in einer Kirche sein Blitzlicht gnadenlos auf eine Vitrine richtete, während ein Gläubiger kniend davor betete. Im römischen Petersdom ist die Selfie-Stange zum dominierenden Instrument geworden. Nördlich davon, in Umbrien, durfte ich erleben, wie eine mit einer Kamera versehene Drohne über einem Hochzeitspaar kreiste, das gerade aus dem Gotteshaus gekommen war. Es war zum Davonlaufen.

Längst ist es nahezu egal, in welche Kirche in welchem Land man geht: Technik verdrängt jede eigene Anschauung. Sinnlos bannen Leute sakrale Kunstwerke auf ihre digitalen Endgeräte – Kunstwerke, die sie selbst kaum noch unvermittelt zur Kenntnis nehmen und von denen man nicht weiß, ob und wie oft sie anschließend überhaupt noch irgendwo gezeigt werden. Hier ist ein automatisiertes Verhalten zu besichtigen, das mit Kultur wenig, mit Idiotie aber eine Menge zu tun hat. Unser Gott ist nun das Smartphone. Walter Benjamin konnte das 1935 nicht ahnen, als er seinen wegweisenden Aufsatz schrieb: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Der Mann dürfte heute umso mehr staunen.

Dass Menschen Kirchen immer seltener betreten, ist das eine und selbstredend ihr gutes Recht. Nicht ihr Recht ist, sakrale Gebäude ihren blinden Zwecken zu unterwerfen.

Mit meiner Besinnung war es am Freitag zunächst vorüber. Ich radelte weiter zu meiner Gemeindekirche am Prenzlauer Berg, um einen zweiten Anlauf zu unternehmen. Dort schloss der Pfarrer gerade die Pforten.

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