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Times mager Seehofer

Viele Menschen schmollen, wenn sie sich missverstanden fühlen. Etwa auch Horst Seehofer?

Times mager
Wie könnte Horst Seehofers Schmollwinkel aussehen? Hinter verschlossenen Türen und runtergelassenen Jalousien? Foto: imago

Schmollt er etwa? Wie das nicht wenige Menschen dann tun, wenn sie sich missverstanden fühlen. Und wie unter all den Missverstandenen mancher Politiker es gerne tut. Wegen dieser Missverständnisse ist es für den einen oder anderen Politiker, sobald er morgens aufsteht, ein einziges Richtigstellen. „Ja, gerade der Satz mit den 69 Afghanen ist komplett aus dem Zusammenhang gerissen worden und gnadenlos zugespitzt worden. Und leider haben sich auch einige Parteifreunde vereinnahmen lassen.“

Wegen der gnadenlosen Zuspitzung der Lage für den CSU-Chef (und nicht etwa für 69 Afghanen) sagte der 69-Jährige in dem FR-Interview (21. 7.) weiter: „Aber das ist nur ein Teil: Ich stehe morgens auf und höre, ich hätte die Koalition aufgekündigt.“

Schmollt Horst Seehofer? Wie muss man sich das vorstellen, tut er dies in einem klassischen Schmollwinkel? In seinen vier Wänden, in denen man, um mit seinem Hader allein zu sein, die Tür hinter sich zumacht. Oder die Jalousien runterlässt. Der Schmollwinkel, wie er durch das Internet (frei Haus) ausstaffiert worden ist, ist ein nichtöffentlicher Raum, der sich einer unheimlichen Öffentlichkeit sicher sein kann. Der Schmollwinkel ist eine Echokammer der Selbstbestätigung, die dem Selbstmitleid schmeichelt.

Lebt Horst Seehofer in einer dermaßen herausgeputzten Echokammer? Um den Menschen im Lande eine Vorstellung von Horst Seehofers Rückzugsort zu geben, hat ein Parteifreund des CSU-Chefs, der Vorgänger Erwin Huber gesagt, der Nachfolger steuere die Geschicke der Partei aus anderen Sphären. Aus einem Raumschiff, richtig, so war Huber unmissverständlich zu verstehen.

Ein Missverständnis? Auch das, so Seehofer. Wie überhaupt das FR-Gespräch deswegen so aufschlussreich ist, da es deutlich macht, dass Seehofer sich praktisch bei jeder Gelegenheit missverstanden fühlt. Nun könnte man daraus folgern, dass Seehofers Populismus ein einziges Missverständnis von Politik ist. Jedenfalls für diejenigen Leute im Lande, die darin schamloses Wahlkampfkalkül und eine Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas sehen. Dennoch rechnet er es sich selbst hoch an, dass er den von ihm in einer Fernsehsendung verwendeten Begriff „Asyltourismus“, eben diese Infamie „noch in der gleichen Sendung zurückgenommen habe“. Er hat ein Wort zurückgenommen, das nicht nur in der Internetwelt nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

Man kennt das – abgefeimte Populistenstrategie, zynisches Kalkül. Zum Tathergang ist zu sagen: Der Urheber geht gegen das Wort nicht vor, er lässt es gären, in der Gesellschaft aufgehen, während er sich falsch verstanden fühlt, sich als Opfer darstellt, nach Art der AfD. Diese wird es mit Genugtuung verfolgt haben. Sie verfolgt überhaupt viel, ob abwartend, lauernd oder jagend.

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