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Times mager Schwindel

Das Buch allein gibt keinen Halt, auch wenn man mit dem Kopf zwischen zwei Buchdeckeln festklemmt.

Wartburg
Wartburg, die Lutherstube. Immer wieder neue Pläne, ständig neue Anläufe. Foto: imago

Es geht nicht an, den Kopf immer nur in Bücher zu stecken, und erst recht nicht in den Sand. Das eine geht so wenig gut aus wie das andere, kann er sich immer wieder sagen, während er auf das Glas schaut, in dem die Zeit verrinnt.

Dreihundert Tage wird der Geistliche auf der Wartburg verbringen, vom 4. Mai 1521 an, dem Tag, an dem ihn sein Landesherr bei Eisenach entführen und verschwinden lässt hinter den Mauern einer seiner Festungen. Die Wartburg wird zur Zitadelle der Zuflucht, die Lutherstube zur Keimzelle einer bis dahin ungeahnt intensiven Bibelbeschäftigung, wenn der Mönch von Dezember 1521 an in nur sechs Wochen das Neue Testament ins Deutsche bringt. Bleibt bei einem solchen Pensum noch Zeit für einen langen Blick in das rieselnde Stundenglas? Spekulation (wie so vieles)!

Doch um kurz innezuhalten an diesem Punkt. Hat doch auch Luther, der das Arbeiten zum Ethos und Gebot erhob, die eine oder andere Aufgabe ganz gern auf die lange Bank geschoben. Wenn Luther sich so sieht, weiß er, dass er nicht nur ein Arbeitstier, sondern auch ein lustbetontes Wesen ist. Luther ist ein selbstbeobachtendes Wesen. Weil er bei allem ein Mönch ist, kann er regelmäßig an sich verzweifeln. Das geschieht nicht etwa oberflächlich.

Wartburg, die Lutherstube. Immer wieder neue Pläne, ständig neue Anläufe. Aber wohl keine Phase, selbst wenn er nichts tut (und auch das tut er durchaus), in der er nicht irgendwie angespannt wäre. Luther kann nur sehr schlecht loslassen (wird man sehr viel später, um dem Zeitgeist Genüge zu tun, über ihn sagen).

Vielleicht ist ein solcher Gedanke aber auch unangemessen, womöglich leicht geschwindelt, wie so vieles in der legendären Lutherliteratur. Dann natürlich hat der Gläubige seinen Gott, der Gottesfürchtige seinen Glauben. Dann ist der Gläubige die Ruhe selbst – sofern er nicht mit seinem Gott hadert. Da Luther ein kluges Mönchlein ist, versteht er es, aus seinem Hader ein theologisches Problem zu machen. Denken gibt Halt, Denken hilft, Glaubenszweifel zu überwinden.

Wartburg, die Lutherstube. Immer wieder ist es gut, den Kopf in das Buch der Bücher zu stecken. Damit tritt dann, gemessen an dem, was soeben noch durch den Kopf ging (und im Times mager obenan eine Rolle gespielt hat), die Situation ein, dass Luther den Eindruck gewinnt, dass er sich in den vier Wänden der Lutherstube im Kreis dreht. Das ist, ohne Scherz, eine heikle Situation. Auch wenn es nicht legendär geworden ist, aber manchmal konnte Luther direkt der Schwindel packen.

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