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Times mager Schweigen des Kalten Krieges

Es gibt nicht nur das angenehme Schweigen. Und unverdienterweise hat das Schweigen keinen Plural.

Schweiger
Kann es denn Zufall sein, dass ausgerechnet jemand, der Schweiger heißt, einen der sprechendsten Berufe überhaupt, nämlich den des Schauspielers, ergriffen habe? Foto: dpa

Wenn aus warmem Samt gewebte Luft die Köpfe umweht, ein klarblaues Meer die Insel umspült und ein eiskaltes Bier, von der untergehenden Sonne beschienen, dem eigenen Untergang entgegenperlt, dann schweifen die Gedanken, wenn sie nicht schweigen. Und so kam das Gespräch auf die auffallend weite Verbreitung bestimmter Namen bei öffentlich sprechenden Menschen.

Zunächst ging es um die Häufung geschlechtsbezogener Begriffe bei Radiomenschen (sowohl Genitalien als auch Tätigkeiten, die mit ihnen zu tun haben, scheinen überproportional vertreten zu sein, genannt werden können sie hier nicht). Wäre es nicht möglich, fragte jemand, dass Menschen, die solche Namen tragen müssen, in einem Akt präventiver Kompensation die möglichst häufige, öffentliche Nennung dieser Begriffe in neutralem Ton zu erzwingen suchen, sogar durch ihre Berufswahl? Der Gedanke fand Zustimmung, zumal ein anderer Tischnachbar, das schlüpfrige Terrain elegant verlassend, die Frage erweiterte: Könne es denn Zufall sein, dass ausgerechnet jemand, der Schweiger heiße, einen der sprechendsten Berufe überhaupt, nämlich den des Schauspielers, ergriffen habe? Und mache er nicht auffallend häufig Gebrauch von der Möglichkeit, das, wonach er benannt sei, in aller Öffentlichkeit zu brechen?

Es folgte jenes angenehme Schweigen, das Menschen oft ergreift, wenn sie einig ihr Leben genießen, einander spürend, ohne sprechen zu müssen. Ein Schweigen, durch diesen oder jenen Seufzer („Schau, der Himmel!“ oder „Ach du Scheiße, Socken in Sandalen!“) eher bestätigt als gebrochen, und man kann sagen: Der Himmel hängt voller Schweigen.

Das Schweigen, muss allerdings hinzugefügt werden, hat unverdienterweise keinen Plural, und Wikipedia hilft auch nicht weiter: „Schweigen ist eine Form der nonverbalen Kommunikation, bei der nicht gesprochen wird“, heißt es da etwas einsilbig. Dabei gibt es durchaus mehrere Formen des Schweigens, wie sich später am Nebentisch zeigte.

Ein Paar hatte sich eingefunden, und während des ganzen Essens wechselten die beiden nur einen Satz, von dem etwas wie „Dann musst du das halt endlich mal begreifen“ herüberwehte. Der Rest war, richtig: Schweigen. Aber es war das Schweigen des Kalten Krieges, die Zweisamkeit der Unversöhnlichen. Man konnte spüren, wie die Menschen an den anderen Tischen noch intensiver zu sprechen begannen, als wollten sie dieses Schweigen stellvertretend brechen. Jemand sagte: „Hoffentlich schreien sie sich wenigstens im Hotelzimmer an.“

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