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Times mager Schreiben

Wer soll denn dagegen konkurrieren: 30 000 000 Texte in drei Minuten - oder so ähnlich.

Hand und Mauszeiger.
Mensch und Computer stehen beim Schreiben in engstem Kontakt. Foto: imago

Es ist ironisch, dass Journalisten so viel Zeit damit verbringen, Texte über Computer zu schreiben, die Texte schreiben können. Mit Sicherheit auch über Computer. Es ist ironisch, aber es entspricht dem Lauf der Dinge. Aus erst-, zweit- und drittklassigen Büchern und Filmen ist unsereinem wohlbekannt, dass am Ende Computer Texte über Menschen schreiben, die Texte schreiben konnten. Die Computer werden den Verdacht haben, nein, sie werden ausrechnen, dass es keine guten Texte waren (die von den Menschen). So wie unsereiner heute den Verdacht hat, nein, munter behauptet, dass es keine guten Texte sind (die von den Computern).

Obwohl also Mensch und Computer auch bei der Niederschrift dieser Zeilen in engster Tuchfühlung stehen, sich beide unter dem tropischen Mond von Frankfurt auf einem kleinen Balkon befinden – der Mensch trinkt Kaffee, der Computer fühlt sich bei 86 Prozent abgefüllt –, gibt es letztlich kein Zueinander.

Außer die spektakuläre Zahl von 30 000 000 Texten pro Monat, die ein Anbieter verspricht. Das hätte jeder Mensch gerne, aber nur der Computer kann es leisten, gerne für den Menschen, wie der Anbieter versichert. Ein Kollege hat die Annonce weitergeleitet. Journalisten tauschen gerne über ihre Computer solche Nachrichten aus, die immer so krass klingen. Aber: „Automatisierte Textgenerierung ist gar nicht so katastrophal wie viele denken“, und man traut sich nicht, das fehlende Komma zu ergänzen, so selbstbewusst ist dieser Satz.

30 000 000 Texte pro Monat sind praktisch unschlagbar. Zumal es sich um „individuelle Texte in herausragender Qualität“ handelt, „schnelle Lieferung“, „rechtlich gesichert und fehlerfrei, genauso wie wiederholbar und linguistisch korrekt“. Illustrierende Fotos zeigen dazu Menschenhände, die entspannt zusammengefaltet auf einer Tastatur ruhen, vermutlich während auf dem nicht sichtbaren Bildschirm ein paar hunderttausend individuelle Texte in herausragender Qualität durchlaufen. Ein anderes Bild zeigt einen kleinen Roboter, der gerade auf einer Tastatur Text 10 354 566 einzutippen scheint. Einzutackern. Blind, die Augen freundlich auf den textbedürftigen Menschen gerichtet!

Pessimisten rufen jetzt, dass der Mensch zu diesen Händen offenbar nicht begriffen hat, was die Stunde schlägt. Realisten halten dagegen, dass solche Techniken bei einfach strukturierten Nachrichten längst angewendet werden. Nicht ganz klar ist mir allerdings, inwiefern die Texte „wiederholbar“ sein sollen. Ironisch bleibt, dass Journalisten so viel Zeit damit verbringen, Texte über Computer zu schreiben, die Texte schreiben können.

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