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Times mager Romantisch

„Pittoreske Ästhetik“: Der nordenglische Lake District wurde gerade zum Weltkulturerbe erklärt, weil dort die englische Romantik wurzelte.

Ein rotes Schaf
Ein rotes Schaf in romantischer Landschaft. Foto: afp

Was war zuerst da? Hat der Zufall – und natürlich auch der Landmann – die Landschaft geformt und dann die Landschaft das Bild, das der Mensch sich von ihr machte? Hat der Mensch sich ein Bild gemacht von einer idealen Landschaft – und dann ein wenig nachgeholfen? Dort mit dem Pflanzen einer Eiche – die allerdings über Jahrhunderte erst zum Inbild einer knorrigen Eiche werden konnte. Oder dort mit dem Wissen (dem Gefühl?), dass es um der Ausgewogenheit willen ein Stück Wald zu roden, oder aber zu erhalten, oder aber eine Steinmauer zu errichten galt?

Was also war zuerst da? Und kann es eine romantische Landschaft auch ohne den Menschen geben, der sie als romantisch empfindet? In diesem Weltenwinkel, von dem die Rede ist, jedenfalls wurde ein Gefühl genährt (später erst benannt) durch sattes Grün, blinkende Bäche, durch leuchtenden Weißdorn vor schwarzblauem Wolkengebirge. Nicht zu vergessen die stillgelben Narzissen, meerblauen Bluebells, changierenden Seen, fellscheckigen Schafe. Nicht zu vergessen das trauliche Blöken und melodische Tirillieren.

Der Lake District, eine nordwestenglische Gegend, die geradezu unverschämt idyllisch, nur ein, zwei Täler weiter aber wild und erhaben wirken kann, sie wurde jetzt von der Unesco neu in die Welterbe-Liste aufgenommen. In die Welterbe-Wiege legte ihr das Komitee, dass sie die „Wiege der britischen Romantik“ sei, man fand auch die Formulierung von der „pittoresken Ästhetik“. Die Namen William Wordsworth, John Ruskin und Beatrix Potter fielen, Berge und Seen des Lake District hätten diese Künstler inspiriert. Freilich huschen selbst im Lake District die Häschen nicht im Wams oder mit Häubchen in die Buchenhecke.

Der amerikanische Autor Christopher Morley schrieb 1917 über William Wordsworth: „Rar waren vor Wordsworth Wanderungen übers Land aus schierer Freude daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er war einer der ersten, der seine Beine als Werkzeug der Philosophie gebrauchte.“ Oft war seine Schwester Dorothy an seiner Seite; und um die 20 Meilen (32 Kilometer) am Tag, jeden Tag, schien beide nicht über Gebühr zu strapazieren. Oder die Bewegung durch die Landschaft war ihnen jede Mühe wert. Aber hat vor allem die Bewegung den Dichter gemacht – oder doch die Landschaft („pittoreske Ästhetik“) den wichtigeren Einfluss gehabt?

Die heutige Reisende jedenfalls benutzt gegenüber Freunden und Bekannten, die sie nach dem Lake District fragen, Formulierungen wie „so schön, dass man es kaum aushält“. Aber das ist natürlich Unsinn.

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