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Times mager Plagiate

Ist das schon Ideenklau? Ist es noch Intertextualität? Die englische Lyrikszene hadert.

Tropischer Regenwald
Das große weite Feld der Intertextualität ist zugleich ein Dschungel. Foto: imago

Ira Lightman ist im deutschsprachigen Raum kein sehr bekannter Lyriker, aber er hat eine Nebentätigkeit, die immer wieder einmal Aufsehen erregt. Nun, Aufsehen ist ein relativer Begriff. Ira Lightman also geht Plagiatsvorwürfen in der englischsprachigen Lyrikszene nach. Die Tageszeitung „The Guardian“ widmete ihm am Wochenende ein ausführliches Porträt und stellte seinen jüngsten Fall vor. Er betrifft den Kanadier Pierre DesRuisseaux (1945–2016), hochdekorierter Autor, der unter anderem Poet Laureate des kanadischen Parlaments war (eine seltsame, altmodische Einrichtung, nicht das Parlament natürlich, sondern der von Staates wegen lorbeerbekränzte Dichter).

DesRuisseaux schrieb auf Französisch. Nach seinem Tod aber ließ das Parlament zu seinen Ehren eines seiner Gedichte auch auf Englisch auf die Netzseite stellen. Hier fiel einer Leserin die Ähnlichkeit des Gedichtanfangs mit Zeilen der amerikanischen Dichterin Maya Angelou (1928–2014) auf. Der übersetzte DesRuisseaux aus dem Band „Tranches de vie“ (2013): „You can wipe me from the pages of history/with your twisted falsehoods/you can drag me through the mud/but like the wind, I rise.“ Die originale Angelou: „You may write me down in history/With your bitter, twisted lies/You may trod me in the very dirt/But still, like dust, I’ll rise.“ Ja, das ist schon verdammt ähnlich.

Spürhund Lightman (so nennt ihn die Szene: Spürhund) ging der Sache weiter nach, übersetzte Schlüsselsätze aus „Tranches de vie“ (auch darum soll man in der Schule aufpassen, wenn der Lehrer über Schlüsselsätze redet!), googelte herum und fand Passagen von Dylan Thomas, Charles Bukowski, dem Nordiren Louis MacNeice und Tupac Shakur. Letzteres sollte nicht verwundern, denn wir befinden uns offenkundig auf dem großen weiten Feld der Intertextualität. Das große weite Feld der Intertextualität ist zugleich ein Dschungel. Das kann nur die Intertextualität. Auch Lightman selbst äußert sich vorsichtig in der Einschätzung, wo hier das Plagiat beginnt, aber zu Recht kann er davon ausgehen, dass die, sagen wir einmal, so intensive Nutzung von ungenannten Quellen schon auf Interesse stößt. DesRuisseaux’ Verlag, so Lightman zum „Guardian“, reagierte schockiert und äußerte sich seither nicht mehr zu Sache.

Zum literarischen Verfahren kommen übrigens Streiche des Gedächtnisses. Lightman erzählt, wie er ein Gedicht von sich selbst wiederfand und nicht mehr wusste, dass es von ihm war. Das sei umgekehrt natürlich ebenso denkbar.

Das ist jetzt die Stelle, wo unsereiner endlich mitreden kann. Es gibt zwei Sätze aus Rezensionen anderer, die über kurz oder lang geklaut, also intertextuell eingebunden werden müssen. „Gott segne den Beleuchter“ (Alfred Polgar) und „Das Teil hol ich mir“ (Harry Rowohlt über einen Film, in dem Batman ein besonders effizientes neues Gerät benutzt). Sie sind gewarnt.

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