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Times mager Passiv

Vom Passivrauchen und dem Gebrauch des Passivs, das den Täter verschwinden lassen kann.

Rauch
Vom Passivrauch zu Passivformulierungen - ein Raucher macht sich Luft. Foto: imago

Im Kaffeehaus-Garten war eine kurze Debatte über das Passivrauchen ausgebrochen, die aber rasch an Schärfe verlor, weil der angesprochene Aktivraucher, kaum zurechtgewiesen, seine Schwaden bereitwillig durch den Zaun in Richtung Straße blies.

Das Wort „passiv“, hob der Zigarettenkonsument aber nun an, stecke ihm schon seit Anfang dieser Woche in den Knochen, und zwar seit er sich informiert habe über die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und der niedersächsischen Staatskanzlei bei der Erarbeitung einer Regierungserklärung zum Thema Autos beziehungsweise deren Manipulation.

Zum Beleg zog der Rauchende eine Zeitung aus der Tasche und verlas: „Volkswagen hat damit gegen Gesetze verstoßen und Vertrauen missbraucht.“ Dieser Satz, formuliert im ursprünglichen Redeentwurf des Ministerpräsidenten, enthalte zweifellos ein Subjekt („Volkswagen“), das aktiv gehandelt habe. Selbiges Subjekt, also VW, so der Schwadenmann weiter, habe bei der Überarbeitung der Rede sich selbst aus dem unschönen Satz des Politikers entfernt, so dass es am Ende hieß: „Damit ist gegen Gesetze verstoßen und Vertrauen missbraucht worden.“

Diese Operation, dozierte Stammgast S., sei durchaus nachahmenswert, etwa in ehelichen Streitigkeiten über im Zusammenspiel mit Dritten erfolgte Fehltritte eines Partners. Formuliere zum Beispiel die betrogene Gattin in der Paartherapie „Horst hat mein Vertrauen missbraucht“, so biete sich dem angesprochenen Horst die Möglichkeit, eine Änderung anzuregen: „Es wurde Vertrauen missbraucht.“

Das Beispiel mache deutlich, so S. weiter, dass das Verschwinden des Subjekts („Volkswagen“, „Horst“) so einem Fehlverhalten doch gleich die Schärfe nehme, indem der Täter aus der Darstellung seiner Tat verschwinde. Und mit ihm, so der weitere Vorteil, in gewisser Weise sogar auch das Opfer.

Das, wandte nun allerdings der Raucher ein, sei nicht ganz richtig, denn auch in der aktiven Form seien die Opfer (Dieselfahrer, Umwelt, Ehefrau) nicht ausdrücklich erwähnt gewesen.

Schon richtig, erwiderte Stammgast S., aber wenn man bedenke, dass das Wort „passiv“ vom Lateinischen „pati“, also „leiden“, abstamme, dann stehe das missbrauchte Vertrauen doch bei der Passivkonstruktion viel schöner im Vorder- und das eigentliche Opfer angemessen im Hintergrund, was ganz sicher dem Frieden diene, jedenfalls dem Frieden zwischen Wirtschaft und Politik beziehungsweise zwischen dem Ehemann und sich selbst, was in etwa auf das Gleiche hinauslaufe.

„Gerade wurde ein Kleinkind auf dem Bürgersteig vollgequalmt“, sagte die Passivraucherin, aber ihr wurde so gut wie überhaupt nicht zugehört.

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