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Times mager Pariser Dächer

Der Aufwand, mit dem über Dächer nachgedacht wird, war in Paris immer schon immens. Das Leben unter den Dächern von Paris war im Grunde immer schon ein Leben mit den Dächern von Paris.

Das Leben unter den Dächern von Paris war im Grunde immer schon ein Leben mit den Dächern von Paris. Foto: imago stock&people

Der Aufwand, mit dem über Dächer nachgedacht wird, war in Paris immer schon immens. Denn sonst wären dort nicht die berühmten Mansarddächer entstanden. Weil ein François Mansart (1598–1666) und dessen Großneffe Jules Hardouin-Mansart (1646–1708) diese Art zu bauen stark vorantrieben, wurden sie regelrecht Baukörpermode. Wobei nicht unterschlagen werden darf, dass etwa 100 Jahre zuvor ein Pierre Lescot, auch er ein Pionier, diese Dächer bereits beim Louvre verwirklichte. Eine wahrhaftig so raumsparende wie raumgreifende Idee wurde favorisiert und forciert, und überdauerte im 19. Jahrhundert, nachdem Eugène Haussmann die mittelalterliche Stadt weitgehend hatte niederlegen lassen, gar den totalen Stadtumbau.

Dass das Mansarddach auch heute noch sehr gut aufgestellt ist, hat sehr unterschiedliche Ursachen. Weiß doch jedes Pariser Kind die Mansarddach-Verse eines Paul Verlaine oder Charles Baudelaire fröhlich daherzusagen. Weiß doch jeder Taxifahrer die Mandsarddachbilder der Impressionisten mit ein paar Strichen auf der Windschutzscheibe seines Taxis zu skizzieren. Weiß doch jeder Internetfreak geradezu blind die Mansarddach-Chansons einer Edith Piaf ebenso herunterzuladen wie den Mansarddach-Film René Clairs. Ja, das Leben unter den Dächern von Paris war im Grunde immer schon ein Leben mit den Dächern von Paris.

Sicher, dem Touristen ist diese erotische Koexistenz mit dem Dach nie als eine nur friedliche vorgekommen. Denn im heißen Sommer oder im frostigen Winter, zumal in einem billigen Hotelzimmer – und in Paris sind zwar alle Hotelzimmer nicht preiswert, aber billig –, kann der Aufenthalt zu einer Herausforderung werden. Mag der Parisbesucher auch wehmütig auf die andere Straßenseite schauen, im Sommer mit blumengeschmückten Gesimsen, im Winter mit eisblumengeschmückten Fensterchen: Unter den Pariser Zinkdächern lebt es sich im Zustand der Naturbelassenheit.
Deshalb macht der Vorstoß der Bürgermeisterin des neunten Pariser Arrondissements extrem neugierig. Möchte sie doch die Schönheit dieser so einheitlichen Dachlandschaft dadurch adeln, dass sie als Weltkulturerbe anerkannt wird. Natürlich denkt sie dabei auch an die ungemein homogene Zinkdächerlandschaft. Als Parisbesucher kann man sich dem nur anschließen, und für eine doppelte Ehrung plädieren, für den Kulturerbetitel ebenso wie für den Unesco-Naturerbetitel. Denn riesig ist unter den Zinkdächern von Paris der Einklang mit der Natur. Im Sommer lebt es sich mit 45 Grad, im Winter mit Frost.

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