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Times mager Osterengel

Was machen Engel, sobald sie nach Weihnachten arbeitslos sind? Vielleicht umschulen?

Glockenturm Campanile der Markuskirche in Venedig
Knapp 99 Meter hoch: Glockenturm der Markuskirche in Venedig. Foto: Imago

Es hat noch niemand protestiert (was aber in diesen, nun ja, öffentlich erregten Tagen nur eine Frage der Zeit sein kann): Eine junge Frau namens Elisa Costantini ist vom knapp 99 Meter hohen Markus-Glockenturm auf den Markusplatz herabgeschwebt, um als Engel den Karneval von Venedig zu eröffnen. Laut Agenturbericht war sie, das will man doch hoffen, gut gesichert und trug ein schwarz-weißes Kleid mit einer roten Bluse darunter. Auf Bildern sieht man außerdem weiß-blaue Flügel und lange rote Handschuhe.

20.000 Menschen sollen zugesehen haben. Einerseits konnten also 20 000 Menschen einem Engel mit Namen Elisa unter den Rock gucken. Andererseits legt die Dokumentation des Vorgangs nahe, dass Engel – oder jedenfalls: dieser Engel – fünf bis sechs Unterröcke tragen und es darum nichts zu sehen gibt außer Stoff und Rüschen.

Trotzdem möchte man meinen, dass es unziemlich ist, einen Engel an einem Stahlseil herunterzulassen zu den Menschen. Erstens. Und zweitens: herunterzulassen, damit närrische Tage beginnen können. Was soll das für eine Jobbeschreibung für eine/einen Himmelsbotin/Himmelsboten sein?

Vielleicht ist Elisa Costantini aber auch nur eine Menschenhülle für einen echten Engel, denn Arbeitsmöglichkeiten für höhere Wesen sind nicht eben dicht gesät in der säkularisierten Welt. Da sind vor Weihnachten all die Krippenspiele, aber dort handelt es sich nicht gerade um glanzvolle Hauptrollen („Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?“) Kurz muss der Engel Maria darüber informieren, dass sie schwanger ist. Dann soll er laut Auftrag schon wieder durchstarten. Dabei ist es ja nicht so, dass es alle läppischen Jahrtausende etwas Weltbewegendes zu verkünden gäbe.

Denkbar ist darum, dass mancher Engel nach Weihnachten umschult auf Osterengel. Einschweben ist für die übliche Fracht auch weitaus schonender als herbeihoppeln. Kein Wunder, dass diese von Osterhasen nur hartgekocht ausgetragen werden kann. Trotzdem besetzen sie alljährlich wieder die freien Stellen.

Es gab jedenfalls zu denken, dass in der Kälte und der Dämmerung just ein veritabler Feldhase über den Park-and-Ride-Platz hoppelte. Nein, kein Kaninchen. Der Hase guckte dort und guckte da, betrachtete ein Nummernschild, machte wieder ein paar Hopser, ließ versonnen die Löffel spielen. Eine so fabelhafte Erscheinung war der Hase auf dem Parkplatz, dass man den Verdacht hatte, es könnte sich um einen Engel handeln, der schon mal das Terrain sondiert.

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