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Times mager Ordnung

Sogar in Bayreuth leuchten inzwischen die weißen Herrenhemden aus den Reihen.

Eröffnung der Richard Wagner Festspiele in Bayreuth
Der Herr von heute betritt den Festsaal der Bayreuther Festspiele vorzugsweise in Abendgarderobe - und zappelt sich dann aus der obersten Hülle. Foto: imago

Die Bayreuther Kleiderordnung für den Herren hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Wandlung erfahren, die von dem, was war, nur eine große Anzahl weißer Hemden übriggelassen hat. Noch in Stefan Herheims „Parsifal“ (2008ff) erschien es, das weiße Hemd, erst im dritten Aufzug schamhaft unter der Jacke (vor dreißig Jahren: unter der Smokingjacke). Man orientierte sich am Nachbarn, schöpfte durch dessen Kessheit selbst Mut, und so entstanden weiße Inseln und Linien. Der von Herheim in der Schlussszene eingesetzte Riesenspiegel machte das sichtbar, all die schwitzenden, erschöpften Herrschaften im Hemd, ein Anblick so rührend und indiskret wie ein Naturfilmschwenk in einen Maulwurfgang, in dem ein kleiner, fleißiger Maulwurf auf frischer Tat ertappt wird.

Der Herr von heute betritt den Saal zwar weiter vorzugsweise in Abendgarderobe, zappelt sich aber noch im Setzen aus der obersten Hülle heraus. Zappeln ist insofern das richtige Wort, als das Minimalistische der Bewegungen auf engstem Raum durch Heftigkeit wettgemacht werden muss. Die Begleitung versucht, die vom Leib gepellte und die von in millimetergroßer Entfernung befindlichen Personen jäh anlappende Stoffmasse sofort an sich zu nehmen und rücksichtsvoll zu komprimieren. Es hat sich nichts daran geändert, dass im Festspielhaus ausreichend Platz nur für die Musik ist und Menschen dazwischen schauen müssen, wie sie nicht stören. Vorher glaubt man nicht, wie beinhart es ist, nichts zu tun.

Spezifisch für die besonderen Anforderungen der Hitzewelle 2018, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth praktisch immer Hitzewellen sind: 1.) Der rege Verkauf von Fächern auch an Männer (Sie können in den Pausen alles Mögliche kaufen, Walkürenritt-Spieldosen und T-Shirts mit dem Aufdruck „Weiche, Wotan, weiche!“, wobei die Walkürenritt-Spieldosen totaler Irrsinn sind). 2.) Der Mann in der kurzen Hose. Während der rege Verkauf von Fächern auch an Männer die Menschheit wirklich voranbringt (warum sollen nur Männer offenkundig schwitzen müssen/dürfen?), bleibt der Mann in der kurzen Hose vorerst ein Solitär. Es ist nicht gut, sich über Männer in kurzen Hosen lustig zu machen. Aber der Versuch, durch ein dunkelblaues Ensemble das Niveau zu heben, missglückt ebenso.

Ziemlich neu übrigens auch im vorletzten übertitelfreien Opernhaus der westlichen Hemisphäre: Zum Schlussbeifall wird geknipst wie im Robbie-Williams-Konzert. Von Herren im Hemd und Damen im Luftig-Geblümten gleichermaßen. Hoffentlich sind die Bilder entsetzlich, aber darauf kann man sich leider nicht verlassen.

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