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Times mager Nikolaus

Selbst das Nikolausfest, das eigentlich zu den niedrigerschwelligen und damit erfreulicheren gehört, birgt Schwierigkeiten.

Sankt Nikolaus macht sich auf den Weg
Nikoläuse haben es manchmal schwer. Foto: dpa

Der Buchtitel „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, den vermutlich nur Tormänner wirklich verstehen und exegieren können, ist seit 47 Jahren ein Rätsel. Denn ist es nicht eigentlich der Feldspieler, der den Strafstoß ausführen muss, dem angst und bange werden wird angesichts einer verhältnismäßig himmlisch einfach lösbaren, aber schon spektakulär danebengegangenen Aufgabe? Die Literatur hat ihre eigenen Regeln. Lesen Sie dazu bitte den untenstehenden Text.

Für unseren Zusammenhang ist die (vermeintliche) Angst des Tormannes heute interessant, weil sich alljährlich vorm 6. Dezember eine nicht unähnliche Situation zeigt. Traditionell befasst sich die christliche Welt mit den Kindern, die in der vergangenen Nacht aufgeregt auf das Herantraben des Nikolaus gewartet haben. Es gibt natürlich Kinder, die fürchten den Nikolaus durchaus, obwohl man noch nie aus verlässlicher Quelle hörte, dass er Lateinvokabeln abfragte oder sonstige doofe Fragen stellte. Vielmehr liegt der Ball eindeutig in seinem Feld. Niemand jedoch befasst sich damit, wie der arme Nikolaus leise genug an die Schuhe herankommen soll, um sie so zu füllen, dass sein Inkognito gewahrt bleibt. Je nach Untergrund ist das ein heikles Unterfangen, hier knarzt das Holz, da knistert die Bethmännchentüte, dort rappelt das Legopolizeiauto, und jetzt kullert der Flummi weg. Oder ein anderer Nikolaus sagt aua, denn Nikoläuse, hier verraten wir kein zu großes Geheimnis, treten zuweilen paarweise auf, und die gewitztesten Vertreter ihres Fachs knipsen das Flurlicht nicht an, um kein Aufsehen zu erregen. Kein seriöser Nikolaus also, dem das Herz nicht schon bis zum Halse schlug. So birgt selbst das Nikolausfest Schwierigkeiten, das eigentlich zu den niedrigerschwelligen und damit erfreulicheren gehört (kein dreigängiges Menü, bloß ein paar Kleinigkeiten, die in Schuhe der Größen 20 bis 44 passen).

Wir zollen heute also dem Nikolaus und den, äh, anderen Nikoläusen Respekt, die inzwischen alle wieder zu Hause sein sollten. Das Haus vom Nikolaus? Auch ein anspruchsvolles Problem, das in einem Menschenleben periodisch auftritt (durch das Hinzutreten von Kindern oder zu lange Konferenzen oder Bierkonsum etc.) und dann immer wieder mit allerlei Herumprobieren gelöst werden muss.

Es ist deshalb eine Riesenüberraschung, jetzt über die Katholische Nachrichtenagentur zu erfahren, dass es 88 Varianten geben soll, das „Haus vom Nikolaus“ zu zeichnen. Die kna bezieht sich auf einen entsprechenden Hinweis des Bundesforschungsministeriums. Die 88 Varianten, heißt es in der Mitteilung, könne man mit Hilfe von Symmetrien und geschicktem Konstruieren nachweisen. Das mathematische Rätsel des Kinderspiels sei „Teil der Graphentheorie in der diskreten Mathematik“. So wird man selbst am Nikolaustag, eben vielleicht noch stolz darauf, wie schnell man das Männchen aus dem Überraschungsei zusammensteckte, darauf gestoßen, dass man von dem, was die Welt zusammenhält, letztlich keine Ahnung hat. 88 (achtundachzig), das ist doch nicht möglich. Kaum hat man das eine Problem gelöst, folgt schon das nächste.

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