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Times mager Ned Kelly

Etwas aus der Mode gekommen ist leider die Zeitreise. Früher schoss man doch kreuz und quer durch Zeit und Raum.

FRANCE-MUSIC-INDUSTRY
Wäre man kein Zeitreisemuffel, könnte man mit Schallplatten zum Millionär werden. Foto: AFP

Zeitreisen sind leider ein wenig aus der Mode gekommen. Früher schoss man kreuz und quer durch Zeit und Raum oder schrieb zumindest Bücher, drehte Filme und Fernsehserien drüber. Es gab darin die Möglichkeit, mittels Maschinen, speziellen Fahr- bzw. Flugzeugen und durch hypnotische Tunnels in andere Epochen zu geraten, um dort den größten Unfug anzustellen.

Manchmal sahen die Protagonisten aber auch bewusst davon ab, in den Fluss der Zeit einzugreifen. Das war besonders heroisch. Weise Menschen handeln noch heute nach diesem Vorbild und bleiben an markanten Gabelungen des Lebens vorsichtshalber auf dem Sofa liegen. Natürlich nur, um nicht versehentlich die Weichen zu stellen für Ereignisse, deren Konsequenzen noch gar nicht abzusehen sind.

Vor rund zehn Jahren waren drei, ähm, Fachleute in Übersee damit beschäftigt, die Durchführbarkeit von Zeitreisen ein für allemal zu klären. Hopp oder Flop. Resultat: Flop. Die Männer – ein Physiker, ein Ingenieur, ein „Finanzexperte“ – sammelten rund fünf Jahre lang Geld (90 000 Euro) und luden einen Zeitreisenden offiziell ein, zum fest vereinbarten Termin (12.12.2012) die Summe abzuholen und zum Wohl der Menschheit zu mehren.

Es kam niemand. Obwohl, das kann man so nicht sagen. Das für zwölf Stunden geöffnete „Zeitfenster“ irgendwo in Australien nutzten beispielsweise eine Gruppe Wikinger, um Kampftechniken aus der Wikingerzeit vorzuführen, und eine Gruppe Schotten, um schottische Lieder zu singen. Es traten auch „unerklärliche Phänomene“ auf (ein Knall, gerötete Augen), und eine mysteriöse Botschaft aus einer anderen Zeit wurde per Medium übermittelt („jeder kann in der Zeit reisen, Sache des Bewusstseins“ usw.).

Außerdem kam ein Time-Travel-Police-Officer, um nach Ned Kelly zu fahnden, dem 1880 verstorbenen Robin Hood Australiens. Der Officer beschlagnahmte zum Schutz der Ureinwohner eine Flasche Whisky und schlief später auf dem Sofa ein; weiser Mann. Abends wurde gegrillt.

Wäre man kein Zeitreisemuffel, könnte man pendeln. Richtige Bäckerbrötchen für 15 Pfennig kaufen. Die Lieblingsjeans wiederentdecken. Haribo Tropifrutti in der Originalversion (ohne Maracuja, mit Erdbeer). Man würde nachts für 300 Mark im Monat wohnen und tagsüber vom Schallplattenhandel leben: 1962 eine Langspielplatte kaufen, 2018 ohne Kratzer veräußern, zehntausend Prozent Gewinn.

Aber Zeitreisende sind ja leider nicht möglich. Sonst wären sie längst hier gewesen mit den irrsten Erfindungen. Autos, die ohne Benzin und ohne Fahrer fahren vielleicht. Oder Roboter, die Wahlen gewinnen. Oder Weltfrieden.

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