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Times mager Navi

Ist der/die/das Navi vielleicht auch Gott? Und warum schickt es einen immer auf die „Hauptstraße“?

Navigationssystem
Der/die/das Navi. Gott unserer Moderne? Foto: imago

Jede Moderne hat ihre eigenen Götter, unsere auch. Vor allem das Navi. Das Navi erfüllt praktisch alle Eignungsvoraussetzungen, die eine Gottheit mitbringen muss: Es ist immer bei uns (jedenfalls dann, wenn wir uns im humanen Naturzustand befinden, also im Auto). Es begleitet uns nicht nur, sondern es weist uns den rechten Weg. Und es kennt unser künftiges Schicksal besser als jedes irdische Wesen: „Bauarbeiten in 67 km gemeldet, Verzögerung <5 Min.“ Göttlich.

Nebenbei bemerkt: Geht es Ihnen auch so, dass Sie manchmal Lust haben, „die Navi“ zu sagen? Navigationsanlage? Navigationshilfe? Navigations-Gottheit? Andererseits: Unter Gender-Gesichtspunkten sollten wir einigermaßen zufrieden sein, denn zumindest heißt es nicht „der Navi“ (-apparat, -gott, das hätte ja passieren können). Nehmen wir also das Neutrum als fortschrittliche Version des Jenseits: das Gott jenseits aller Geschlechter-Gefängnisse.

„Den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen und in die Straße K 3760 einbiegen.“ Hier spürt der Gläubige, dass ihm eine Prüfung auferlegt wurde. Handelt es sich tatsächlich um die „K 3760“? Wo steht das? Stand da nicht „Hauptstraße“, und ist das dasselbe wie „K 3760“? Nur in einer Mischung aus Gottvertrauen und Bereitschaft zum Tun wird der Mensch sich mit Navis Hilfe aus der Not befreien können.

Da wir gerade von „Hauptstraße“ sprachen: In seiner unendlichen Weisheit weiß uns das Navi auch diesen Namen zu nennen. Wahrscheinlich dann, wenn es sich bei der Hauptstraße nicht zugleich auch um eine Kreisstraße („K 3760“) handelt. Und ehrlich gesagt: Das kommt gar nicht so selten vor, und es gibt uns einen Hinweis auf die Einheit in der Vielfalt unseres Landes, wenn nicht Europas.

So begab es sich, dass das Navi die Reisenden auf einer Fahrt über Land geleitete, und jedes Mal, wenn zwischen pfälzischen Hügeln ein Kirchtürmlein aufgetaucht war, wies das höhere Wesen die Erdenbürger an: „Hier links einbiegen in die Hauptstraße“, hier und da allerdings variierend: „Hier rechts einbiegen in die Hauptstraße.“

Waren wir im Kreis gefahren? Nein, liebe Gemeinde, die Botschaft war diese: Je Neben- die Strecke, desto Haupt- die Straßen. Haupt, Haupt, Haupt: Die Einheit der Straße in der Vielfalt der Dörfer. So behauptet sich das flache Land und verkündet erhobenen Hauptes: Gott ist groß, und auch bei uns ist nicht alles klein.

Mit einem laut geschmetterten Wanderlied dankte die kleine Reisegemeinschaft dem Navi, das allerdings antwortete: „Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte geben Sie die Adresse noch einmal ein.“ Das soll eine Gottheit sein? Es folgte noch der Hinweis „Jetzt rechts abbiegen in die Rue Principale.“ Immerhin war das Elsass erreicht.

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