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Times mager Nackt

Selbst das Wort Nacktheit hat sich in einer insgesamt mit Blick auf diese Dinge angenehm unaufgeregten Welt einen Rest von frappierender Wirkung bewahrt.

Nackt auf der Bühne
Auf der Bühne ist echte Nacktheit ohnehin weiterhin eindrucksvoll, wenn sie kalkuliert eingesetzt wird. Foto: imago

Während wir heute“, schrieb der Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer 2007, „zumal im Sprechtheater, konsterniert sind, wenn ein männlicher oder weiblicher Schauspieler bekleidet auftritt und an dieser Marotte auch noch eigensinnig bis zum Schluss festhält, war dies vor etwa zehn, fünfzehn Jahren das Normale auf dem Theater.“ Man versteht natürlich, was er mit seiner maßlosen Übertreibung sagen will. Bei einem Symposium über den Komponisten Erich Wolfgang Korngold ging es damals um dessen Oper „Das Wunder der Heliane“, in der die Titelheldin laut Libretto in einer nicht nur drei Sekunden langen Szene nackt ist. 

Nacktheit in der Oper ist nicht so regulär wie im Sprechtheater, aber sie kommt vor. Normalerweise wird sie aber Statisten überlassen, an die Suchaufrufe in dieser Art ergehen: „junge (ältere), schlanke (vollschlanke, füllige) Damen (Herren), die sich in ihrem Körper wohlfühlen und kein Problem damit haben, sich auch einmal unbekleidet zu zeigen“. Denn selbst das Wort Nacktheit hat sich in einer insgesamt mit Blick auf diese Dinge angenehm unaufgeregten Welt einen Rest von frappierender Wirkung bewahrt. Auf der Bühne, auf der auch Nacktheit recht geschickt imitierende Anzüge sowie Zusatzteile zur Anwendung kommen, ist die echte Nacktheit ohnehin weiterhin eindrucksvoll, wenn sie kalkuliert eingesetzt wird. Der kalkulierte Einsatz von Nacktheit besteht zum Beispiel nicht darin, dass sich ein paar Leutchen zwischendurch aus- und dann hoffentlich, hoffentlich auch wieder anziehen. Während sie über etwas anderes sprechen, auch irgendwie so tun, als sei gar nichts, und die Zuschauerin nicht weiß, ob sie sich mehr einfach so schämt oder für den Regieeinfall. 

Der kalkulierte Einsatz von Nacktheit besteht zum Beispiel darin, dass 2002 Martin Kusej den Sänger Gabriel Sadé als unglückseligen Alviano Salvago in den Stuttgarter „Gezeichneten“ zum Vorspiel langsam auftauchen ließ, und der Sänger war nackt, was man aber erst nach und nach begriff. Der Mann als Kreatur bot einen Anblick, der sechzehn Jahre später nicht vergessen ist. Der kalkulierte Einsatz von Nacktheit besteht zum Beispiel auch darin, dass jetzt die Sängerin Sara Jakubiak als freundliche Heliane in Berlin unter Christof Loys Regie zügig ihr Kleid fallen ließ (ein schaumhaftes Abendkleid), und die Sängerin war nackt, was man sofort begriff und ebenfalls nicht vergessen wird. Hierzu aus organisatorischen Gründen morgen mehr. Mit „nackt, dass es klackt“ steuerte übrigens ein Komponist, Carl Orff, die schönste Wendung zum Thema bei.

Interessant ferner, dass Jens Malte Fischer von männlichen und weiblichen Schauspielern spricht. Wie der Umgang mit Nacktheit entwickelt sich der Umgang mit Sprache unterschiedlicher, als uns immer präsent ist.

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