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Times mager Nach Moskau!

Immerzu steht etwas auf dem Spiel - und deshalb muss schon einiges geschehen, dass der Fußballfan nicht mitmacht.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: Die russischen Verhältnisse können sogar Fußballfans auf die WM-Laune schlagen. Foto: imago

Na gut, der Fan ist dann mal weg. Na gut, ein Fan, einer bloß. Denn keine zwei Fans sind es ja, während der eine Fan weite Wege geht, beim schweren Gang durch seine kleine Siedlung. Die Straße rauf, die Straße runter. Ein einsamer Fan, die Straße immer weiter rauf, immer weiter runter, „denn es geht immer weiter“ (Oliver Kahn).

Aber diesmal geht es allerdings nicht nur weiter, obwohl der Fußballfan schon vieles mitgemacht hat, darunter nicht nur jede Fußball-WM seit über 50 Jahren, sondern selbst das Sommermärchen, 1978, in Argentinien, das natürlich, wie jedes Märchen, auch eine Geschichte zum Gruseln war, jedenfalls hinsichtlich der Menschenrechte – und aus deutscher Sicht natürlich rein-sportlich. Obwohl: für die Völkerverständigung war es ein Geschenk.

Weiter also. Denn immerzu steht etwas auf dem Spiel, und deshalb muss schon einiges geschehen, dass der Fußballfan nicht mitmacht, so wie diesmal, weil er sich sagt: Nicht hinschauen an diesem Fußball-WM-Eröffnungsabend (denn über die Verhältnisse in Russland will er einfach nicht hinwegschauen). Und so stapft er über die Straße seiner kleinen Siedlung, und mit jedem Schritt wird ihm immer bleierner zumute, denn aus den offenen Fenstern hört er sensationelle Seufzer, hört er überragende Schreie, hört er eine Stimme: „Etwas Riesenhaftes rollt auf uns zu, etwas Ungeheuerliches, und wird unsere Gesellschaft aus allen Fugen krachen lassen.“ 

Was für Worte, während er den kleinen Grünstreifen seiner Siedlung betritt und gegen einen Grashalm kickt. Denn wie jede Wiese ist für den Fußballfan keine Wiese bloß so eine Wiese. Aber wie weiter? Irgendwie schon. Und weil der Fußballfan, wie jeder Fußballfan auch sonst, natürlich ein impulsiver Mensch ist, legt er unmittelbar nach und köpft auch noch ein Gänseblümchen. 2:0, so jedenfalls schießt es dem Fußballfan durch den Kopf, während er die Wiese ganz für sich allein hat. Bis er, mit einem Male, vor einem Tor steht (einem Gartentörchen), an dem ein Schild steht: Tschechow, Anton. 

Kein Mensch aber in der Siedlung, der nicht wüsste, dass hier die „Drei Schwestern“ leben, die Weltberühmtheiten: Olga, Mascha, Irina. Seufzend sitzen sie auch an diesem ersten Abend der Fußball-WM in ihrem Garten. Und die eine seufzt über ihr verlorenes Leben (und hält sich die Ohren zu). Und die zweite seufzt über ihr verlogenes Leben (und hält sich die Augen zu). Und die Schönste seufzt über ihre Selbstlügen (und hält sich die Hand vor den Mund). 

Drei Seufzende vor ihrem Fernseher, in ihrem Fußball-WM-Garten. Ja, die drei Schwestern waren immer schon Sehnsüchtige von WM-Format, so dass die drei jetzt wie aus einem Munde seufzen: Nach Moskau!

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