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Times mager Muschel

Wird der regelmäßige Verzehr von Grünlippmuscheln die Probleme nicht lediglich verschieben?

Labradoodle
Ein sehr fideler Hund. Möglicherweise mit Grünlippmuscheln gefüttert. Foto: Imago

Wenn Sie halbwegs auf dem Stand des Nahrungsergänzungsmittelwesens sind, dann werden Sie die Grünlippmuschel sicher schon kennen. Wenn nicht, googeln Sie sie mal. Und dann fragen Sie sich, ob Ihr Hund dieses Glibberding fressen würde.

Unter dem Wirtshaustisch, um kurz abzuschweifen, lag jedenfalls ein schneeweißes Hündchen und machte sich gelegentlich durch ein anfallartiges, stoßweise vorgetragenes Quietschen bemerkbar, das höchstwahrscheinlich als Bellen gemeint war, aber so klang, als hätte das arme Tier den Stimmbruch verpasst. Über dem Hündchen, wie gesagt, der Wirtshaustisch, am Wirtshaustisch das Frauchen und eine Frau.

Die Hierarchie unter den dreien war eindeutig, auch wenn man das Gespräch der beiden menschlichen Teilnehmerinnen nicht belauschte: Das Hündchen hörte offensichtlich nicht auf das Frauchen, aber auf die Frau. Und das Frauchen auch, denn die Frau muss so etwas wie eine Hunde-Erziehungsratgeberin gewesen sein.

Jedenfalls war es die Frau und nicht das Frauchen, der das Hündchen auf Befehl quietschfrei folgte, als die drei sich verabschiedet hatten. Die Frau rief dem Frauchen noch zu, es solle dem Hündchen künftig beim Befehlen in die Augen schauen, was unter manchen der verbliebenen Wirtshausgäste auf Zustimmung stieß. Einer erinnerte sich sogar, gelesen zu haben, dass ein Blick ins linke Auge der Erwählten die erotische Anbahnung erleichtere, allerdings nicht bei Hunden, soweit er das verstanden habe.

So oder so: Frauchen und Hündchen folgten der Frau, die beiden abwechselnd in die Augen blickte, ganz umstandslos, und was soll man sagen: Sie bewegten sich so geschmeidig, dass niemand auch nur einen Gedanken an die Grünlippmuschel vergeudet hätte, hätte nicht morgens der Prospekt eines Nahrungsergänzungsmittelherstellers im Briefkasten gelegen.

Dieser Prospekt war so schön, dass man es fast bedauerte, keinen etwas ungelenken Hund zu besitzen: „Grünlippmuschel-Hunde-Kapseln, 3 zum Preis von 2“ stand da in Neongelb, und es war wirklich gut, dass da schon „Hunde“ stand, denn darunter hieß es „Ergänzungsfuttermittel für Gelenke und Knorpel“, und das hätte Fragen aufgeworfen (Wie füttere ich einen Knorpel?, etc.).

Die Recherche bei einem anderen Hersteller ergab, dass die Maori in Neuseeland angeblich früher nie Gelenkprobleme hatten, weil sie Grünlippmuscheln aßen. Jetzt aber doch, durch den „Einzug der Essgewohnheiten aus den Industrieländern“.

Es kommt noch so weit, dass der Industrieländer-Hund sich die Grünlippmuschel zur Essgewohnheit macht, während der Maori unter Gelenkschmerzen leidet. Das ist nicht gut.

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