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Times mager Mord & Musik

Zu den eisernen Regeln des Fernsehkrimis gehört, dass der Opernfreund bzw. Orgelspieler der Mörder ist.

Orgelspieler
Der Orgelspieler ist immer der Mörder. Foto: imago

Jetzt mal im Ernst. Zu den eisernen Regeln des Fernsehkrimis gehört also, dass der Opernfreund bzw. Orgelspieler der Mörder ist. Oder das Mordopfer, das wegen irgendwelcher vergangener Verschlingungen selbst dran schuld ist. Oder jedenfalls ein Wahnsinniger bzw. Perverser. Ab und zu legt auch ein windiger Anwalt, Arzt, Psychologe, Hochschullehrer ein wenig Bach auf. Wenn der Opernfreund bzw. Orgelspieler bzw. Bachhörer schon kein Wahnsinniger bzw. Perverser ist, so doch zumindest – ein doller kleinbürgerlicher Impuls – Akademiker. Entweder nämlich klärt das Drehbuch durch das Hobby der Figur ab, dass es sich hierbei um den Mörder oder das Mordopfer, das wegen irgendwelcher vergangener Verschlingungen selbst dran schuld ist, handelt. Oder das Drehbuch gibt einer ohnehin bereits dubiosen Figur noch die Vorliebe mit, die man – als FFH-Hörer oder was – von ihr erwartet. Eine ganz durchgeknallte.

Für Frauen im Fernsehkrimi gilt bei entsprechender Qualifikation das alles ebenso. Ausnahmen – da will einem jetzt bloß gar keine einfallen, vielleicht Kommissar Beck? – bestätigen das bloß.

An sich ist das ziemlich lustig. Jetzt stand aber ein ganz interessanter Aufsatz in der „Los Angeles Review of Books“, in der der Autor (Theodore Gioia) an die erfolgreichen Versuche erinnert, mit sogenannter klassischer Musik, namentlich Barockmusik, unerquickliche, verdreckte und gefährliche Orte erquicklicher, sauberer und sicherer zu machen (Flächen vorm Burger King, B-Ebenen). Dies geschah und geschieht schon seit den Achtzigern vornehmlich dadurch, dass das Abspielen besagter Musik das unerwünschte Publikum vertrieb und vertreibt. Die Wirkung der Musik, führt der Autor plausibel aus, sei nicht in dem von Musikfreunden erhofften Sinne zivilisierend. Sie sei abschreckend. Mit Musik werde Terrain erobert.

In einer geschilderten Burger-King-Szene kommt sogar eine stille Zuhörerin vor, aber es handelt sich dabei offensichtlich um eine Mörderin (Perverse, Akademikerin, na ja, Sie wissen schon). Der Autor wird nun ganz melancholisch und auch zornig und steigert sich in eine Tirade hinein gegen die Verwendung von Musikschlaufen und -schnipseln im werblichen Bereich. Aber an dieser Stelle schalten wir uns aus, weil man immer wissen sollte, wo man auf verlorenem Posten steht.

Da die Diffamierung von E-Musik-Freunden nicht einmal zur Folge hat, dass man Karten für die Elbphilharmonie bekäme, kann man sie jedenfalls nur scharf verurteilen. Journalistinnen und Journalisten im Fernsehkrimi hören im übrigen praktisch nie Bach oder Wagner. Schlecht angezogen oder (!) im Rudel bedrängen sie unbescholtene Kriminalbeamte und haben eh kein Zuhause, in dem sie eine Platte auflegen könnten. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

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