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Times mager Mörderin

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass in TV-Krimis viel zu viele Frauen morden? Und wird es sogleich wieder so sein?

Times mager
Die Gärtnerin als Mörderin? In „Barnaby“ ein denkbares Szenario. Foto: imago

Es ist immer ein Fehler, sich auf einen privaten Wenn-dann-Handel einzulassen. Beispiel I: Wenn die Eintracht gewinnt, gehen wir ein Eis essen. Beispiel II: Wenn in diesem „Barnaby“ eine Frau den Mord begangen hat, dann schreibe ich über die kriminalstatistisch unhaltbar hohe Zahl von Mörderinnen im TV-Krimi. Bringt Beispiel I im Ressort Feuilleton keinen weiteren Gesprächsbedarf mit sich – schon ärgert man sich ja darüber, dass man damit angefangen hat –, so hätte es im weitaus kulturrelevanteren Beispiel II um ein Haar klappen können. Das Thema ist auch keineswegs erledigt, nur weil am Ende ausgerechnet in dieser Folge dann doch der Halbbruder – Stiefbruder, Cousin, Pate, Neffe zweiten Grades, Schwippschwager? – der konzilianten Mörderin in spe die Tat begangen hat.

Dies ist eine jener Volten, mit denen Krimiautoren dem aufmerksamen Publikum eine lange Nase drehen. Sie haben einfach ganz andere Möglichkeiten als unsereiner, Zusatzwissen, das sie in unzugänglichen Bezirken des Subtexts verstecken, und außerdem das Placet der Produzenten, die im „Barnaby“ sonst aber sehr wohl ein Faible für Täterinnen haben. Teetrinkende, Scones zubereitende, Blümchen gießende, Tinnef verkaufende, Neid und Eifersucht in ein Ale versenkende, Schulden machende, alte Rechnungen begleichende, megärenhaft durch Dorfnächte marodierende Täterinnen.

Schön wäre es, an dieser Stelle auf ein paar konkrete Episoden eingehen zu können. Etwa die, in der der Halbbruder der Täterin mit einer mittelalterlichen Lanze an ein Wandgemälde gespießt wurde, auf dem die Vorfahren der beiden in einer neorenaissancehaften Jagdszene zu sehen sind. Noch in jeder Generation kam bisher ein männliches Mitglied der weitverzweigten Familie während einer Hatz unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Es ist bedauerlicherweise aber so, dass der Verlauf einer anständigen „Barnaby“-Sendung zehn Minuten nach dem Ende der Folge dem Gedächtnis wieder entschwindet und zwar vollständig. Das ist ein Phänomen, das sonst nur Träume betrifft (und vereinzelt Telefonate mit PR-Agentur-Mitarbeitern, die um 15.30 Uhr ungefragt Bücher komplett nacherzählen, einfach weil sie es sich vorgenommen haben). Im „Barnaby“ könnte es sich um ein aufwendiges Verfahren handeln, um zu erreichen, dass Zuschauer Folgen mehrfach anschauen können. Dem ist auch so. Entgegenwirken könnte man dem Verfahren nur mit einem aufmerksam geführten Traumtagebuch. Andererseits waren Sommerferien.

Wie Sie sehen, haben aber auch Zeitungsredakteurinnen, die sich verkalkulieren, Tricks auf Lager, damit sie ihre Texte trotzdem verfertigen können.

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