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Times mager Moby-Dylan

Der Literaturnobelpreisträger soll ein wenig Copy/Paste gemacht haben, als er seine Literaturnobelpreisrede vorbereitete.

Bob Dylan
Bob Dylan soll bei seiner Literaturnobelpreisrede ein wenig geschummelt haben. Foto: afp

Die Photosynthese, Zellteilung, elektromagnetische Induktion, die aromatischen Verbindungen. Das Ziehen einer Wurzel (und wir meinen nicht beim Zahnarzt). Die Kurvendiskussion (und wir meinen nicht mit dem Fahrlehrer). Falls man in diesen Dingen jemals unterrichtet wurde – wohlgemerkt: falls!, vielleicht war man auch gerade krank bzw. verliebt (quasi: erste echte aromatische Verbindung) –, so ist das gefühlte zwei Jahrhunderte her und sind oben genannte, äh, Kulturtechniken selbst mit einiger Anstrengung ohne Hilfe nicht mehr zu rekonstruieren. Solche Hilfe versprechen im Internet Seiten wie: „So einfach geht Wurzelziehen“, „Bio einfach erklärt“, „Frustfrei lernen“, „Sofatutor“, „Schnellrechen-Schnellkurs“.

Auf Englisch und für Literatur gibt es im Netz die „SparkNotes“, eine Seite, die damit wirbt, dass sie bei Schülern am beliebtesten ist. Angeboten wird zum Beispiel die Rubrik „No Fear Shakespeare“ (etwa: keine Angst vor Shakespeare). Zeile für Zeile sind dort Stücke wie „Macbeth“, „Othello“ oder „Hamlet“ in zeitgenössisches Englisch übertragen (Hamlet alt: „O God!“ Hamlet neu: „Oh God!“ Hamlet alt: „To be, or not to be? That is the question –“. Hamlet neu: „The question is: is it better to be alive or dead?“). Nützlich sind auch die Zusammenfassungen und Erörterungen bekannter Werke der Weltliteratur, etwa „Alice im Wunderland“ und „Moby-Dick“, inklusive „Wichtigste Fakten“ („Schauplätze: England, Wunderland“ bzw. „Motive: die Blässe, Weiße; Oberflächen und Tiefen“). Und wenn man ganz runterscrollt, steht da jeweils: „Wie Sie diese SparkNote zitieren“ und „Stellen Sie sicher, dass Sie Ihre Quellen nennen“.

Aber nicht jeder Nutzer von SparkNotes hat die Muße, ganz runterzuscrollen. Das ist nur zu verständlich, wenn dieser Nutzer einen anspruchsvollen, zeitraubenden Job hat (z. B. als Musiklegende auf Never Ending Tour) und außerdem lange aus dem Alter raus ist, in dem man noch über eine gewisse Hausaufgabenroutine verfügte. Plötzlich rückt der Abgabetermin näher, kann man durchrasseln, wenn man nicht mit dem Referat beikommt – was also soll man tun? Und wie sähe es im Übrigen aus, wenn man als Literaturnobelpreisträger eine Pennälerquelle nennen müsste? Darum bemängeln nur kleinliche Geister jetzt, dass der große Bob Dylan sich in seinem Nobelpreis-Vortrag ein bisschen bei den SparkNotes zu „Moby-Dick“ bedient hat – Oberflächen und Tiefen eines Wals sind nicht so leicht zu überschauen.

Nicht bestätigt ist bisher die Meldung, dass die Macher der Seite SparkNotes über eine neue Rubrik nachdenken, überschrieben „Arbeitshilfen für Nobelpreisträger“.

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