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Times mager Maikäfer, flieg!

Etwas erzählt zu bekommen, ist sinnvoll. Es zu lesen, ist womöglich irgendwann noch wichtiger.

Christine Nöstlinger
Christine Nöstlinger transportierte das Unaussprechliche in ihren Werken. Foto: imago

Die Wucht, mit der Christine Nöstlingers autobiografischer Roman „Maikäfer, flieg!“, 1973 erschienen, drei, vier, fünf Jahre später auf die junge Leserin traf, kann man sich kaum noch vorstellen. Denn die Wucht kam nicht nur daher, dass die frühen Erinnerungen der jetzt 81-jährig gestorbenen Wiener Schriftstellerin mitreißend die Perspektive eines kleinen Mädchens einnehmen, das alles sieht und nicht alles versteht, aber vorbehaltlos wiedergibt. Und auch nicht nur damit, dass „Maikäfer, flieg!“ Kindern Klartext an die Hand gibt zum Thema Krieg, Leid, Schuld, Selbstschutz, Weiterwurschteln. Poesie dient nicht zur Verbrämung, sondern zum Transport für das Unaussprechliche.

Vor allem jedoch kam vieles einem schon so bekannt vor. Denn das waren ja schwarz auf weiß die großmütterlichen Erzählungen von den Bomben, Luftschutzkellern, schreienden Menschen, zerstörten Städten, dem Hunger, der Flucht sowie von der Angst vor den Russen, „den Russen“, die Uhren stahlen, Kinder mochten und Frauen etwas antaten. Man wollte schon einmal wissen, was, man war selbst künftig eine Frau, und die Mutter und die Großmutter waren ebenfalls Frauen. Auch Tante E. war eine Frau. Die Großmutter legte ihr einen Satz in den Mund, der bis heute nicht hinschreibbar ist. Erst recht heute nicht. Damals war er ein Rätsel. Das Kind fragte nicht nach.

Sagen wir es einmal frei heraus: Es gibt ein Alter und eine Massierung von Wiederholungen, da kann man es nicht mehr hören. So geschah es zeitweilig mit den großmütterlichen Erzählungen. Dann aber tauchte „Maikäfer, flieg!“ auf, von Mitschülerinnen empfohlen und ungewohnterweise in der Leihbibliothek beschafft, denn Christine Nöstlingers Bücher wie überhaupt die moderne Kinderliteratur der Siebzigerjahre stand bei den Eltern noch nicht auf dem Einkaufszettel. Die Geschichten nun zu lesen, aus einer anderen großen Stadt, es aus der Sicht eines Mädchens zu lesen, das fast gleichaltrig war: ein vielfältiges Erlebnis. Die Geschichten der Großmutter stimmten. Die Geschichten der Großmutter sparten mehr aus als gedacht. Es gab ein Vorher, von dem auch die Erwachsenen in „Maikäfer, flieg!“ lieber sofort nichts mehr wissen wollten. Aber die Erzählerin, ein paar entscheidende Jahre vor den Eltern der Leserin geboren, konnte dazu etwas sagen. Und alles, was sie sagte, sagte sie ja jetzt praktisch von Kind zu Kind, und das andere Kind konnte es in seinem Kopf einsortieren.

Es ist sinnvoll (und selbstverständlich, übrigens sogar unverhinderbar), dass Geschichte mündlich weitergereicht wird. Es öffnet aber wirklich die Augen, etwas darüber zu lesen. Sieh an, die gute, alte Literatur.

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