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Times mager Männertreu

Heute Abend sollte man sich schon Matthias Brandt in dem ARD-Film "Männertreu" anschauen. Wer den Tag passend gestalten will, liest vorher den neuen Roman von Wilhelm Genazino.

Georg Sahl (Matthias Brand) soll Bundespräsident werden. Foto: HR/Bettina Müller

Aus, ähm, planerischen Gründen steht heute an dieser Stelle quasi eine Art Fernsehkritik. Also eine Fernsehkritik. In „Männertreu“ (heute Abend, ARD, 20.15 Uhr) erzählen Drehbuchautorin Thea Dorn und Regisseurin Hermine Huntgeburth von dem erfolgreichen Herausgeber einer überregionalen Zeitung, die „Frankfurter Nachrichten“ heißt. Es ist ganz schwer, dabei nicht an Frank Schirrmacher zu denken, es ist aber auch ganz unsinnig, es zu tun (und wenn es am Anfang echt der Börne-Preis sein sollte, den der Mann bekommt, so wurde die Vergabe aus pittoresken Gründen in den Kaisersaal verlegt). Der erfolgreiche Herausgeber wird jedenfalls von Matthias Brandt gespielt, so dass er zu einer sphinxischen, aber auch niveauvollen Figur wird. Er führt dabei ein so promiskuitives Leben, dass der Zuschauer nur staunen kann. Jetzt soll er Bundespräsident werden, wie die Frankfurter Oberbürgermeisterin ihm vorschlägt, eine, praktisch die einzige Frau in der Handlung, mit der er nichts hat.

Wenn man sich nun beispielsweise entschließt, sofort Wilhelm Genazinos Roman „Bei Regen im Saal“ zu lesen und abends „Männertreu“ zu gucken, so kann man männliche Frankfurter Lebensentwürfe im publizistischen Bereich und unter der besonderen Berücksichtigung der sexuellen Bedürfnisse geradezu in repräsentativer Auswahl untersuchen.

Dabei wird nicht ganz klar, warum Matthias Brandt bei Frauen gegenüber Genazinos Helden die Nase dermaßen weit vorne hat. Vor allem aber wird nicht ganz klar, wieso der erfolgreiche Herausgeber einer überregionalen Zeitung auf den Gedanken kommen kann, dies wäre im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentschaftskandidatur zwar von Belang, aber nicht besonders. Und vor allem, wie er das noch denken kann, wenn eine seiner zahllosen abservierten Geliebten vor ein Auto gerät und schwer verletzt wird. Seine Filmehefrau, eine stoische Anwältin, wird ebenfalls sehr niveauvoll von Suzanne von Borsody gespielt. Um beide herum aber entwickelt sich trotzdem eine seltsam schmonzettenhafte, den erfolgreichen Herausgeber trotz der stählernen Stadt Frankfurt in goldgelbes Licht tauchende Handlung, wo der Betrachter lieber bösen Realismus hätte (und von Thea Dorn auch erhofft hätte).

Wie bei Genazino entbehrt die Schilderung des Redaktionslebens der Reize des Authentischen. Unterhaltsam ist es jedoch, die Forderung nach absolut freier Liebe (dumme Mädchen, dumme Leute, die das nicht zu kapieren) über einen so genannten Konservativ-Liberalen wieder in die Öffentlichkeit treten zu sehen.

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