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Times mager M.

Im Pendlerzug zeigt sich der Generationenvertrag von einer kurzfristigen, aber durchaus funktionierenden Seite.

Elektrifizierung der Südbahn
Das Pendeln bietet von Natur aus einen überschaubaren Unterhaltungs- und Erfahrungsraum. Foto: dpa

Im Pendlerzug gibt es nicht nur den alten Mann mit dem Rollator, der nicht alleine ein- und aussteigen, aber auch nicht sprechen kann, so dass sich eine Dreier- bis Vierer-Menschenkette jeweils ganz von selbst bilden muss. Es gibt nicht nur die dünne Frau und den unangenehmen Altrocker, den smarten Bartträger mit den Schneewittchenfarben und den angespannten Bauherrn. Es gibt auch M. M. ist erst im Zug herumgekrabbelt, hat vom Arm der Mutter aus Mitreisenden an die Brille gefasst und auf den Touchscreen getatscht. „Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust, / sein erstes Lallen lacht mir noch im Ohr“, so hätte das Kundry ausgedrückt, die ihrerseits beim Reisen aber nicht M. begegnete, sondern dem berühmten Parsifal. Es könnte allerdings sein, dass auch M. berühmt wird. Dann werden wir seinen Namen ausschreiben, was derzeit eine Indiskretion wäre. M.s Name fällt derart oft im Pendlerzug, dass M. – anders als der berühmte Parsifal – noch unter krudesten Umständen diesen kaum vergessen dürfte.

Derweil versuchte M. aufzustehen und stand wie angewurzelt, wie es der Mensch in dieser Phase zu tun pflegt, und das Schlenkern des Zuges konnte ihm nichts anhaben. Dann begann M. im Zug herumzurennen, brauchte aber seine Mutter als Stütze, die sich mit ihm durch die Menge fädelte. Wenn M. noch durchschlüpfen konnte, die Mutter aber nicht, ging M. ohne weiteres an anderen Händen weiter. Die Mutter hatte damit kein Problem. Die Pendler hatten damit erst recht kein Problem, denn das Pendeln bietet von Natur aus einen überschaubaren Unterhaltungs- und Erfahrungsraum.

Heute flitzt M. geläufig durch den Zug. Sein Gleichgewichtssinn ist gestählt. Seine Mutter spricht mit M. seit jeher Deutsch und Polnisch, Zweiteres, hat man jedenfalls den Eindruck, wenn es Schimpfe gibt und diese nicht vor Hinz und Kunz ausgebreitet werden soll. Die Mutter von M. kann eine Spur nerven, ihre Unermüdlichkeit im Einsatz für M., aber M. ist glücklich. Eine Dame steckte ihm jüngst einen winzigen Osterhasen zu. Sie habe ihn zufällig dabei gehabt. Wer’s glaubt. Es ist eine schöne Vorstellung, M. einen Osterhasen zu schenken, der ja auch nicht gar so klein sein müsste.

Obwohl uns also sein erstes Lallen noch im Ohr lacht, hat M. zumindest im Zug noch nie ein verständliches Wort gesprochen. Bei ihm liegt es daran, dass er noch sehr jung ist. Vielleicht kann man ihm später erklären, was in der Zeitung steht oder warum man im Zug einen Text schreibt. Es sagt übrigens, auch wenn es anders klingen mag, mehr über das einnehmende Wesen von M. als über die eigene Einsamkeit, solche Gedanken zu hegen.

Insgesamt zeigt sich, dass in einem Pendlerzug ein zwar immer nur temporärer, aber kurzfristig funktionierender Generationenvertrag abgeschlossen werden kann.

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