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Times Mager Leseraten

Die Bände sprechen Bände, wenn es um die Wahl des Lebensabschnittspartners geht.

Bücher
„Deine Bücher passen nicht zum Dekor? Dreh sie um und Du hast den perfekten Look!“ Foto: Imago

Zu den Überlegungen, die hilfreich und gut sind, sobald es um die Wahl eines Lebensabschnittspartners geht, gehört (gehörte jedenfalls, liebe Kinder, in der Vor-E-Book-Zeit) eine Begutachtung des Bücherregals des jeweiligen Anwärters des Herzens. Denn sprachen nicht die Bände dort gewissermaßen Bände? Sie verrieten schon einiges durch ihre schiere Zahl (doch waren, hmm, vier volle Regale besser als drei, fünf besser als vier?), dann jedoch vor allem durch die Auswahl der Autoren. Letzteres selbst dann, wenn nicht alles davon tatsächlich von vorn bis hinten gelesen sein mochte. 

Sartre? Und Camus? Wollte man es mit einem existenzialistischen, möglicherweise  miesepetrigen Grübler zu tun bekommen? Und auch noch die Beauvoir, auffällig platziert? Ist das nun echtes Interesse oder Bestandteil einer Taktik, feministisch orientierte Studentinnen rumzukriegen? Henry Miller und Charles Bukowski? Bedenklich. Macht der Besitzer dieser Bücher nur auf sexfreudiger harter Hund und ist das Gegenteil? Will man es mal von A bis B, Anfang bis Bett riskieren – oder schenkt man ihm die neueste Kuschelrock-Doppel-CD und stellt ein paar Dinge klar? 

Jane Austen. Jane Austen? Kann es sein, dass er auch strickt? Und findet man das irgendwie cool, oder schlägt das Pendel da doch zu weit in die Miller und Bukowski entgegengesetzte Richtung aus? Allemal, wenn dann der Blick auf Emily Brontë fällt. Nun gut, der Typ studiert Anglistik. Aber muss er deswegen ein, äh, Romantiker sein? Wo ist Hemingway, wo Conrad, wo James Joyce? Letzterer erfordert wenigstens den ganzen Lese-Kerl. 

Aber jedenfalls waren das noch Zeiten, liebe Kinder, in denen Buchrücken zu fröhlichem und kreativem Spekulieren einluden, auch wenn es gelegentlich zu Fehlurteilen kam. Heute müsst ihr schon den E-Reader oder das Amazon-Konto hacken.

Nun kommt ein neuer Trend, natürlich, aus den USA, die bekanntlich von einem totalen, totalsten Nicht-Leser regiert werden: Wer noch Bücher in der Wohnung hat (die selbstverständlich in jeder anderen Hinsicht durchgestylt ist) und sich partout nicht davon trennen will, soll sie aus Design-Gründen umdrehen, so dass ihre Rücken nach innen und das zwischen eierschalen über alabaster und wüstensand bis schlicht angegilbt papierfarbene Papier nach außen zeigt. „Deine Bücher passen nicht zum Dekor? Dreh sie um und Du hast den perfekten Look!“ Das kann immerhin ein klarer Hinweis darauf sein, dass man diesen Typen – egal, was er liest – am besten A wie abserviert, ehe es zu B kommt. 

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