Lade Inhalte...

Times mager Leere

Kunst trifft wahrlich nicht immer auf Verständnis. Unter den möglichen Nebenwirkungen: Staunen, Faselei, Ignoranz und Langeweile.

Goethe
Das etwas lustige Goethe-Denkmal in Wiesbaden. Foto: imago

Berühmt wurde die Beunruhigung, die erste Betrachterinnen und Betrachter vor Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“ (1810) erfasste. Sie äußerte sich, wie es bei Beunruhigung in künstlerischen Fragen oft der Fall ist, vornehmlich in Staunen, Faselei, Ignoranz und Langeweile. Vor allem das leere Meer führte zu Nervosität und Vorschlägen, was man hier hätte unterbringen können. Ungeheuer, Schifflein, und „wie schön, wenn er im Vordergrund ein paar Bernsteinfischer gemalt hätte“. Letzteres legten Clemens von Brentano und Achim von Arnim einer Dame in den Mund, die sie mit anderen in ihrer Satire „Verschiedene Empfindungen vor einer Seelandschaft von Friedrich, worauf ein Kapuziner“ zu Wort kommen lassen.

Leere ist schwer zu ertragen, wie jeder weiß, der etwas schreiben muss und auf eine leere Fläche guckt. Nur scheinbar im Gegensatz dazu steht ein Bericht aus dem „Wiesbadener Kurier“, aus dem hervorgeht, dass das geplante Kunstwerk vor dem nagelneuen und ohne Debakel fertig gewordenen RMCC (vormals Rhein-Main-Hallen) nicht vorankommt.

Eine Anzeigetafel ist wenigstens nützlich

Aus dem Wettbewerb ging eine Siegerin hervor, Monica Bonvicini, die eine Stufenpyramide eingereicht hat. Die Jurymehrheit blieb bisher offenbar ungehört, Bedenken mit Blick auf die Umsetzbarkeit (mögliche Baumschäden, auch könnten spielende Kinder von der Pyramide fallen) wurden schleppend belegt, wie laut „Kurier“ Nachfragen im Wiesbadener Kulturausschuss jüngst zeigten. Es scheint einen Zusammenhang damit zu geben, dass der ebenfalls in der Jury sitzende Projektleiter des RMCC nicht zu den Befürwortern des Bonvicini-Entwurfs gehört.

Wir wollen hier aber nicht auf das demokratische & bürokratische Problem hinaus, auch nicht zu empfindlich sein, obwohl das ein Sonntagmorgen war, an dem man sehr empfindlich sein konnte gegen Unberechenbarkeiten und Rückzieher. Interessant ist aber vor allem immer wieder die Schwierigkeit, die Kunst im öffentlichen Raum hat – mit ihr kann man ja kein Geld verdienen, sie ist einfach da und macht u. U. Ärger, und der Kulturausschuss wurde stattdessen auf die Nützlichkeit einer Anzeigetafel hingewiesen. Auch, hieß es, brauche der Platz eigentlich keine weitere Skulptur: Es gebe ja (bald wieder) den Goethe gegenüber am Landesmuseum. Dieses unfeine Argument (denn das hätte man sich freilich vorher überlegen können) gewinnt noch an Unfeinheit, wenn man das Denkmal kennt. Es dürfte sich allen Ernstes um das lustigste Goethe-Denkmal des Landes handeln. Unausdenkbar, was Brentano und Arnim daraus gemacht hätten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen