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Times mager Knabenchor

Es steht die Frage im Raum, ob es diskriminierend ist, dass in Knabenchöre keine Mädchen aufgenommen werden. Einige werden darüber lachen, andere nicht.

Rechtsanwaeltin sieht in Knabenchoeren eine Diskriminierung
Der Thomanerchor - ohne Mädchen. Foto: epd

Wem es am heutigen Morgen zu friedlich und still vorkommt daheim, der Kaffee blubbert, der Baum ist über Nacht nicht umgefallen, der kann jetzt seine Lieben beispielsweise fragen, ob sie es diskriminierend finden, dass in Knabenchöre keine Mädchen aufgenommen werden. Einige werden darüber lachen, andere nicht. Denn was sich von selbst zu verstehen scheint, hat verwickelte Aspekte, die die Berliner Anwältin Susann Bräcklein saisonal bedingt wieder in mehreren Interviews vertreten hat. Der Evangelische Pressedienst, der ebenfalls nachgefragt hat, fasst ihren Standpunkt für uns wie folgt zusammen: „Wenn Mädchen keinen Zugang zu bekannten Knabenchören hätten, die staatlich gefördert würden, sei dies eine Diskriminierung nach Artikel 3, Abs. 3 der Verfassung, der Benachteiligung aufgrund des Geschlechts verbietet. (...) Mädchen, die ebenfalls Bach-Motetten, Schütz oder Mozart singen wollten, verstünden nicht, wieso dies nur ihren Brüdern möglich sein solle. Ihnen werde suggeriert, Mädchen könnten das nicht. ,Genau das stimmt aber nicht. Mädchen können genauso singen‘, betonte die Anwältin.“

Nun sagen Sie zum Beispiel, da sei irgendwie etwas dran. Ihre Lieben erwidern überrascht, dass es doch extra Knabenchor heiße. Sie erinnern daran, dass Mädchen früher nicht zum Abitur zugelassen waren. Ihre Lieben sagen, es heiße auch nicht Knabenabitur. Sie fragen, was das für ein Mistargument sei.

So, und jetzt werden ihre Lieben vermutlich erklären, dass es doch anders klinge, wenn Knaben singen. Und Sie, weil Sie den Text des Evangelischen Pressedienstes vorher in Ruhe durchlesen konnten, kontern mit Bräckleins Worten, der Unterschied sei Studien zufolge „subtil“ und nur für Experten hörbar. Nun könnte sich zeigen, dass Ihre Lieben leider das Deutschlandfunk-Streitgespräch zwischen Bräcklein und der Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke gehört haben und Meckes folgenden Satz zitieren können: „Es gibt signifikant hörbare Unterschiede im vierten Formanten – einem Frequenzbereich, der im Gesang besonders stark wahrgenommen wird.“ Für den Verlauf des Frühstücks wäre das befriedend, da es ab jetzt darum gehen wird, was genau oder überhaupt der vierte Formant ist. Sollten Ihre Lieben das Streitgespräch nicht gehört haben und ihnen nun also die Argumente ausgehen, können Sie aber nun selbst den krönenden Schlusspunkt setzen und daran erinnern, dass es sogar Weinexperten schon misslang, tückisch eingefärbte Weiß- und Rotweine zu unterscheiden. 

Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, darüber zu sprechen, was am Abend serviert wird. Kredenzt, sagen ihre Lieben. Sie lächeln und freuen sich.

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