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Times mager Käschkänn

Auch das Spucken kann eine Kunst sein, besonders das Weitspucken. Und das auf Hessisch.

Kern
Zugegeben, das ist kein Kirsch-, sondern eher ein Melonenkern. Hätten Sie's erkannt? Foto: Imago

Plötzlich öffneten die jungen Leute das Redaktionsfenster und setzten zum Kirschkernspucken an (hessisch: Käschkännspugge, was ein bisschen nach „Catch as catch can“ klingt, aber in der Regel gewaltfrei verläuft. Catch as catch can ist übrigens laut Internet „eine Art des Freistilringens, bei der fast alle Griffe erlaubt sind“, aber das nur nebenbei).

Kollege V. jedenfalls behauptete, seinen Käschkänn von der zweiten Etage aus in gehörigem Abstand vom Gebäude auf der Straße wiederzuerkennen, und erklärte sich zum Sieger. Kollege S. dagegen tat so, als verurteile er es, dass nun auch noch das Kirschenessen für das Streben nach Konkurrenz missbraucht werde, und spielte nicht mit. In Wirklichkeit hatte er sich nicht getraut.

Kollege V. wies daraufhin darauf hin, dass das Käschkännspugge keineswegs erst in der spätkapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft erfunden worden sei, sondern bereits in seiner Jugend bzw. sogar derjenigen des Herrn S., die ja eine beachtliche Zahl von Jahren zurückliegen müsse, wahrscheinlich gang und gäbe gewesen sei.

Kollege S. googelte kurz und verlas dann etwas unvermittelt: „Mit hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen, sie spucken einem die Steine ins Gesicht.“ Dies sei, dozierte er, das Internet verlesend, die ursprüngliche Form des Sprichworts „Mit jemandem ist nicht gut Kirschen essen“.

Der Satz stamme, verlas Kollege S. weiter, „aus dem Mittelalter, als Kirschbäume vorwiegend in den Gärten reicher Leute oder in Klöstern angebaut wurden. Traf man als einfacher Mensch auf eine Runde vornehmer Herrschaften, die gerade Kirschen verspeisten, konnte es passieren, dass man von ihnen verjagt und mit Kernen bespuckt wurde“, woran man sehe, wie schlimm alles auch früher schon gewesen sei, ergänzte S. Kollege V. schwieg, er hatte eine Kirsche im Mund.

Später im Kaffeehaus ergab sich zufällig ein weiterer Wettbewerb. Stammgast R., des Hessischen mächtig, sprach von einer „Käscheverkostung“, was als besondere Form des Religionenvergleichs hätte missverstanden werden können, hätten nicht sowohl R. als auch Kaffeehausbesitzer H. je eine Tüte Kirschen in der Hand gehabt. Der gerade eintreffende Stammgast S. probierte und erklärte die Kirsche des Stammgasts R. zur Siegerin, was diesen ganz besonders erfreute, denn seine Kirschen hatten sechs Euro pro Kilo gekostet, die unterlegenen Kirschen des Kaffeehausbetreibers dagegen acht.

„Zwei Euro weniger“, bilanzierte Stammgast R., „das sind in D-Mark vier Mark!“ Der folgende Streit drehte sich um die fünfte Nachkomma-Stelle des Umrechnungskurses von Euro in D-Mark, aber das war ein anderes Thema.

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