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Times mager Jammer-Reim

Was nur hat es mit dem Jammertal auf sich, das so schön ist, aber so einen jammervollen Namen trägt?

Obernhof
Von Obernhof aus gibt es einen schönen Wanderweg quer durch das Jammertal. Foto: Imago

Unvermeidlich ist auf dem angenehmen Weg – unter leise sich wiegenden Bäumen und neben einem munter sonnengefleckten, ab und zu eine kleine Schwelle überspringenden Bach – unvermeidlich also ist da die Frage, warum dieses grüne Tal ausgerechnet Jammertal heißt. Denn liegt das biblische Jammertal nicht direkt neben dem Tränental, ist es nicht ein feuchter, kalter, quälender Ort? Zwar gibt es den Jammer nicht im Plural, doch kann er den Menschen auch im Singular heftig am Wickel haben. Ja, der Mensch kann sich schnell auch einen echten Katzenjammer einfangen; dieser ergreift nämlich viel eher ihn selbst als seine Katz’.

Aus der dem Jammertal zum Trotz, nein, gerade wegen des schönen Jammertal-Wegs bestens gelaunten Wandergruppe kommen alsbald Vorschläge. Es drehten sich doch hier einst viele Mühlen, die könnten gar schaurig gequietscht und geächzt, mithin ein dem Jammern ähnliches Geräusch gemacht haben. Aber nein, meint ein anderer, eher hätten die Menschen gejammert, die in den Mühlen schwere Arbeit leisten mussten. Und was der Wanderer im Sommer angenehm finde, die Kühle, hätte die übers Jahr im Talgrund Hausenden bestimmt Frostbeulen und Schlimmeres bekommen lassen. Vielleicht, ergänzt einer, war das angrenzende Land auch nicht fruchtbar genug, so viele Müllersfamilien zu ernähren. So dass zu der klammen Kälte winters noch der Hunger gekommen sei. Andererseits: Wie viele Täler und Landstriche müssten dann den Jammer im Namen tragen?

Unter solchen Spekulationen schwinden die Kilometer dahin. Schließlich haben die Smartphones wieder Empfang, wird mit einer Hand die Stulle, mit der anderen die Tastatur bedient.

Und siehe: Es soll kein Mühlenrad und auch keine Schufterei am Jammer schuld gewesen sein, sondern einmal mehr die Liebe. Beziehungsweise der Liebeskummer. Der Grafensohn verführte die hübsche Müllerstochter, dann machte er sich davon. Indessen die Müllerstochter ein Kind austrug, ging der Junggraf eine standesgemäße Ehe ein. Noch einmal soll sie ihn am Bach gesehen haben, dann wurde sie wahnsinnig und tötete ihr Kind. „Im Dörsbach-Mühlengraben fischt man das arme Mädchen auf samt ihrem kleinen Knaben. Auf Lieb’ folgt Leid; ’s ist Weltenlauf. Hartherz’ger Eltern Mühle verzehrt zur Nacht die Feuersbrunst; und nach des Tages Schwüle steigt spukhaft auf des Nebels Dunst. Wenn bei des Baches Rauschen die Eule schreit, der Sturmwind braust, kannst du dem Jammer lauschen, der über dieser Stätte haust.“

Ein Lehrer soll die traurige Geschichte 1935 in diesen Reimen aufgezeichnet haben. Aber jedem Deutschschüler muss sie irgendwie bekannt vorkommen.

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