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Times Mager Ist mit Heimat ein Staat zu machen?

Was ist ein Staat? Was ist Heimat? Ab 1818 wurde der Heimatbegriff mit Aggression aufgeladen.

Weltkrieg
Deutscher Soldat in Gefangenschaft nahe Ypern, September 1917. Foto: imago stock&people

Die Heimat war zu einer Zeit, als das Heimatbewusstsein klarere Konturen annahm, durchaus als gesellschaftlicher Gegenentwurf gedacht. Aber ist ein Gegenentwurf unbedingt was Gutes? Auf jeden Fall war es die Zeit, als mit der Heimat überhaupt kein Staat zu machen war. Eher ließ sich um diese Zeit, um 1818, bei der Heimat an eine Nation denken, und weil allein die Dreiheit Heimat, Nation, Staat doch sehr voluminöse Vorstellungen auf den Plan riefen, kam es zu beträchtlichen Verwirrungen.

Ein Ausweg daraus sollte sein, dass man sich drei Fragen einzeln vornahm. Was ist Heimat? Was ist ein Staat? Was eine Nation? Da im Deutschland des Jahres 1818 der Ausweg hin auf einen Staat stark versperrt war, nahm Deutschland den Umweg, den Gedanken über die Nation. Irgendwann ging besonnenen Deutschen auf, dass sowohl Staaten- als Nationenbildung in Deutschland über einen Sonderweg zustande gekommen waren. Diese Erkenntnis vom deutschen Sonderweg, mit all seinen fatalen Begleiterscheinungen, darunter einem extremen Chauvinismus, geschah rückwirkend.

Ebenfalls zur Begleiterscheinung eines aufkommenden Nationalgefühls wurde das deutsche Heimatbewusstsein, und hier und da stand es auf diesem besonderen Weg ebenso aggressiv und eisern Spalier wie der Chauvinismus. Immer wieder zusammen bildeten ein eichenlaubbekränztes Heimatbewusstsein und ein gestählter Chauvinismus ein Gespann. Die Heimat stand nicht allein, um Heimat zu werden, tat sie sich hin und wieder zusammen. Weil also das Heimatgefühl, das ja von Haus aus eher etwas Poetisches, etwas Lyrisches sein sollte, sah sich nach einem starken Partner um, einem strategischen Partner. Das war dann der Nationalismus, und weil dieser kein Aggregatzustand war, der nur in sich ruhen mochte, wollte er gedanklich weiter ausgreifen, als Chauvinismus griff er geografisch aus. Und weil jeder Chauvinismus die nächste Eskalationsstufe stets mitdenkt, wollte er das, was gedanklich begann, auch geopolitisch in die Tat umgesetzt sehen. Beim Überschreiten von Grenzen, beim Einmarsch in andere Heimatgebiete wurden der stille Heimatfreund und freundliche Heimatliebhaber nicht nach ihrer Meinung gefragt, wenn es seit 1914 hieß, in der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehen. Ein Lied, kein stilles, ein schauriges. Kein schönes Heimatlied, ein schreckliches.

Die Entwicklung, die die Heimat in hundert Jahren, von etwa 1818 bis 1918 unter der Hegemonie eines aggressiven Nationalismus nahm, war eine Karriere aus Schwulst, Pomp und Protz. Auf der Suche nach einem starken Partner, dem Militarismus, entwickelte sich ein furchtbarer Synergieeffekt. Aus der Heimat war die Heimatfront geworden.

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