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Times mager Impressionen

Menschen, die ihren Urlaub fast ausschließlich durch fotografische Linsen gesehen haben, gab es auch vor Erfindung der digitalen Kamera. Die Feuilleton-Kolumne „Times mager“.

„Impression Management“
„Impression Management“ gab's schon immer. Oder glauben Sie, hier ging es nur darum, sich selbst an den wunderbaren Urlaub zu erinnern? Foto: Imago

Früher war es so: Wenn wir aus dem Urlaub kamen, hatten wir etwas dabei, das man „belichtete Filme“ nannte. Um die Jüngeren jetzt nicht mit Einzelheiten zu langweilen: In geheimnisvollen Labors fertigten ausgewiesene Experten aus diesen Filmen Fotos, die es nur in Papierform gab. Nicht zu glauben, aber wahr.

Die Jüngeren werden sagen: Das war bestimmt zu der Zeit, als Bertha Benz die erste Fernfahrt mit einem Automobil unternahm (vor 130 Jahren, 5. August 1888, von Mannheim nach Pforzheim, etwa 100 Kilometer). Nein, Kinder, die erste Kamera, deren Bilder man auf dem Computer speichern konnte, kam 1991 auf den Markt. Das ist natürlich auch sehr lange her, aber nicht soooo lange, um es mal verständlich auszudrücken.

Bis diese Experten mit den Fotos fertig waren, dauerte es immer ein bisschen, und wie das so ist: Nach dem Urlaub ist kaum Zeit, man hat zu tun, und so wurde es Weihnachten, bis wir der zu Tode gelangweilten Verwandtschaft ein Album präsentierten, auf dessen erster Seite handgeschrieben so etwas stand wie „Urlaubs-Impressionen aus Jugoslawien“, und jetzt fragen Sie bitte nicht, was Jugoslawien war, das spielt hier keine Rolle.

Jetzt zur entscheidenden Frage: Was sollte das Ganze? Sagen wir es ganz offen und in der Sprache der Gegenwart: Impression Management! Will heißen: Wir taten zwar so, als hätten wir die Strandfotos gemacht, um uns selbst zu erinnern, aber in Wahrheit wollten wir natürlich auf die Verwandten Eindruck machen bzw.: Wir wollten sie zwingen, so zu tun, als wären sie beeindruckt, und zwar so überzeugend, dass wir es glaubten und uns für die coolsten Urlauber hielten. So war der Deal, umgekehrt dito.

Nun hören wir, das „Impression Management“ im Urlaub sei echt zum Problem geworden. Die Menschen hätten, sagen Psychologen, das Staunen und Genießen durch das Fotografieren und Posten ersetzt. Deshalb sei die Erholung dahin, von der entspannten Identität mit sich selbst, die durch ganzjähriges Posieren ersetzt werde, sogar auch noch im Urlaub, ganz zu schweigen.

Das Times mager erklärt in aller Form: Menschen, die ihre Urlaubsziele fast ausschließlich durch fotografische Linsen gesehen haben, gab es auch vor Erfindung der digitalen Kamera, wenn auch noch nicht zu Zeiten der Bertha Benz. Die Jüngeren müssen sich gar nicht einbilden, in dieser Hinsicht die ersten Urlaubs-Poser der Weltgeschichte zu sein. Übrigens: Früher war auch nicht alles besser. Heute müssen Sie wenigstens nicht dabei sein, wenn die Verwandten Ihren geknipsten Müll wegklicken.

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