Lade Inhalte...

Times mager Im Zug

Da konnte einem zynisch ums Herz werden, als eine Schar junger Männer im Zug Flippers-Titel sang.

Die Flippers
Die Flippers. Foto: Imago

Zwischen Deutschland und Österreich war eine Schar junger Männer in Stimmung. Die Schar junger Männer trank Bier und achtete sorgfältig darauf, dass es niemandem im Zugwaggon entgehen konnte. Es war sozusagen das einzige, bei dem die Schar junger Männer sorgfältig vorging. Sorgfältiger zum Beispiel als mit den Zugmobiliar, das betrommelt und teils auch betreten wurde, allerdings nicht zerschlagen und zertrampelt. Insofern konnte man auch hier von Sorgfalt sprechen. Wirklich unsorgfältig war der Umgang mit den Melodien der ausführlich gesungenen Flippers-Titel, wobei sich die Schar junger Männer als textfest erwies: „Die rote Sonne von Barbados / für dich und mich scheint sie immer noch.“ Oder auch: „Du bist mein erster Gedanke / Wenn ich am Morgen erwach’ / Du bist mein letzter Gedanke / Am späten Abend“.

Da konnte einem zynisch ums Herz werden, denn ein erster Gedanke wäre ja ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, mal einen Gedanken zu haben, enorm. Aber das musste hier sehr abstrakt bleiben, denn hochmysteriös ein Du, das sich von solchen Leuten auf solche Weise von der Seite ansprechen ließe, so mysteriös wie die Vorstellung, irgendein Mensch könnte mit einem aus dieser Schar auch nur einen halben Sonnenuntergang auf Barbados ausgehalten haben.

Zwischendurch wurde von verschiedenen Seiten mit der Schar junger Männer geschimpft, in einem Zungenschlag, den die jungen Männer durchaus verstanden. Dann – das war interessanterweise besonders abscheulich – kuschten sie kurzzeitig, vor allem bei Androhung eines Schaffners, auch wenn dies in der modernen Regionalzugwelt erst recht abstrakt ist. Die jungen Männer konnten also weder für sich in Anspruch nehmen, volltrunken und damit unzurechnungsfähig zu sein noch zu jung, um zu wissen, was ein Schaffner ist, noch ein Trupp Aufrührer gegen die Obrigkeit. Wobei das alles natürlich ebenfalls saublöd gewesen wäre.

Nein, es handelte sich einfach um einige dumme Bayern, die sich schlecht benahmen, weil sie es lustig fanden und weil sie es durften. Es ist ihre Heimat, sie sprechen die Sprache, sie haben den Pass in der Tasche und den Dialekt drauf, und sie sind nicht gemeint, wenn ihre zugegebenermaßen verzweifelte Landesregierung klarstellt, wer hier nichts zu suchen hat, wer hier stört und was korrektes Benehmen ist.

Freilich hätte eine Umfrage im Zug vermutlich ein eindeutiges Ergebnis erzielt, auch eine Verhaftung der Schar junger Männer wäre kaum auf Widerstand der Mitreisenden gestoßen. Ein schwacher Trost, gar kein Trost, aber immerhin etwas.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen