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Times mager Igor Levit

Igor Levit hört man heute weltweit zu – dem Virtuosen, aber auch dem politischen Kopf.

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Neben dem Flügel ein Freigeist: Igor Levit. Foto: imago

Seit Jahren schon möchte man nicht aufhören, ihm zuzuhören. Er war 23, da hat ihn eine Kritikerin einen Jahrhundertpianisten genannt, und dem Urteil haben sich andere Kritiker angeschlossen, vielleicht im Ton nicht ganz so lebhaft, aber auch die largo-gelagerte Kritik konnte sich Igor Levit nicht verschließen.

Man hört ihm gerne zu, die Musikwelt staunend, und der Zeitgenosse genau hin, auch als er vor einem Jahr der „Jüdischen Allgemeinen“ ein schönes Interview gab, über die Erotik in der Musik, über Schostakowitsch, über einen der „größten Komponisten und Musiker des 20. Jahrhunderts“ – Thelonious Monk. Ach, wurde sofort wieder mal aufgelegt, unbedingt „Round Midnight“ (At the Blackhawk).

Igor Levit, 1987 in Russland geboren, mit vier Jahren erstmals solo auf einer Bühne, 1995 in Deutschland als „Kontingentflüchtling“ ankommend, hört man heute weltweit zu – dem Virtuosen, aber auch dem politischen Kopf. „Ach“, so begann er seinen Seufzer: „Ach, diejenigen, die sich etwas darauf einbilden, politisch zu sein, finde ich genauso langweilig wie diejenigen, die mit großen Gesten behaupten, sie seien es nicht.“ Levits politischer Eigenwille ist soeben auch in New York zur Sprache gekommen, weil er dort den Gilmore Preis erhalten hat, zugesprochen von einer Jury, die den Kandidaten ein Jahr lang beobachtet hat, für diesen unbemerkt seine Aufnahmen, seine Konzerte wahrgenommen hat, so dass nicht unbemerkt blieb, dass er bei seinem Konzert in Londons Royal Albert Hall, die auf Beethovens Neunte zurückgehende Europahymne spielte, als Zugabe, als seinen Beitrag zum Brexit. Das Piano als politisches Artikulationsinstrument.

Auch hat sich Levit selbst geäußert, wie soeben die „New York Times“ ihren Lesern berichtet hat. Als er nämlich im November 2016, am Tag nach der Wahl Donald Trumps, die Bühne in Brüssels Palais des Beaux-Arts nutzte, um den neuen US-Präsidenten einen „bigotten, opportunistischen, zornigen und gefährlichen Mann“ zu nennen. Neben dem Flügel ein Freigeist, con brio. Und das Publikum – zerrissen, gespalten, ihm zustimmend oder aber ihn tadelnd.

Also auch jeden Fall hinhörend. Ein Levit-Konzert besuchend, etwa auf dem Rheingau-Musik-Festival, kann man zusehen, wie sich der Virtuose neben der Bühne bewegt, ein Mensch, einer unter vielen, nicht ostentativ, sondern vollkommen unaufdringlich bescheiden. Wer den Freigeist dabei sieht, hat den einen oder anderen Satz von ihm im Ohr, vielleicht den 2. aus Beethovens Klaviersonate Nr. 31, op.110, aber diesen womöglich auch: „Wissen Sie, Musik ist schwer greifbar, sie ist nicht haptisch, sie ist frei. Sie gehört weder mir noch Ihnen. Niemand hat Deutungshoheit, und gleichzeitig gehört sie uns allen.“ Ein tröstlicher Gedanke in Dur, con anima.

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