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Times mager Ideen

Aus dem Leben gestresster Feuilletonautoren, vorgestern und heute.

FRisersalon
Foto: Imago

Ein besonders schönes Feuilleton des Peter-Pan-Erfinders James M. Barrie (1860–1937) handelt vom Stress der Feuilletonisten, immer wieder Ideen für schöne Feuilletons zu haben. Nachzulesen ist das neben weiteren überzeugenden Geschichten im kürzlich erschienenen Band „Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ (Morio Verlag). Der Erzähler, ein Feuilletonist, verbringt also mit zwei guten Bekannten ein paar Stunden auf dem Lande. Er kann sich schon denken, dass sich das wird ausschlachten lassen. Auf dem Land passiert immer irgendetwas Interessantes, Stimmungsvolles, wenigstens Komisches, denkt er sich ungefähr, denkt sich auch, dass er ein paar Späßchen auf Kosten seiner guten Bekannten wird machen können. Da seine guten Bekannten ebenfalls Feuilletonisten sind, befürchtet er, sie könnten Ähnliches planen. Er ist aber nicht bereit, sich eine solche Schamlosigkeit – die guten Bekannten für einen Text auszunutzen und dies auch noch zu verheimlichen – vorzustellen.

Sie bemerken schon die allgemein menschliche Pointe. Sie ahnen auch, dass einer der beiden guten Bekannten ihm vorauskommen und zeitiger schreiben wird. Nicht-Feuilletonisten könnte aber entgehen, wie brisant und wahrhaftig das Thema ist. Nicht nur rezensiert ein Mensch, der Theaterkritiken schreibt, über kurz oder lang jede Situation, die sich ihm im öffentlichen Raum darbietet. Auch Stoffe für eine Glosse müssen stetig erkannt, memoriert/notiert und gegebenenfalls provoziert werden: durch Landpartien, bei mangelndem Spielraum auch durch einen Friseurbesuch. Hier nun saß ungewöhnlicherweise eine gute Bekannte aus einem benachbarten Feuilleton wenige Stühle weiter, als Folgendes geschah. An eine hereintretende Dame wandte sich die Chefin des Salons, eben mit der anderen Feuilletonistin befasst, freundlich und einladend. Die Dame aber hielt einen großen Schein in der Hand und erklärte energisch, sie wolle lieber sofort den Chef dort sprechen, da sie eine Möglichkeit suche, ihr Geld zu wechseln. Für den Chef dort hielt sie den netten Hiwi und einzigen anwesenden Mann, der hinter der Kasse gerade wieder versuchte, deren Geheimnisse bei der Eingabe der ausgeführten Leistungen zu durchschauen.

Im Lachen und Scherzen danach, auch im Trösten der Chefin, die doch immerhin jung aussehe, sagte die andere Feuilletonistin, über diesen Rückfall müsse man ja direkt eine Glosse schreiben. Das hatte die wiederum andere sich auch bereits gedacht und eine diskrete Notiz in ihren Kalender gemacht. Sicherheitshalber stellte sie ihren Text noch in selbiger Nacht fertig.

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