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Times mager Holdout

Wat mutt, dat mutt: Cuxhavener Busfahrer zeigen sich dieser Tage von einer erstaunlich beharrlichen Seite.

Hüpfburg
Ein Kartenhaus in einer Hüpfburg? Keine gute Idee. Foto: imago

Es passieren gerade merkwürdige Dinge in der schönen Nordseestadt Cuxhaven und sie erinnern ein wenig an das Schicksal des japanischen Nachrichtenoffiziers Hiro Onoda, der im Februar 1945 auf der philippinischen Insel Lubang im Südchinesischen Meer stationiert war, als amerikanische Truppen das Eiland eroberten. Die meisten japanischen Soldaten wurden umgebracht oder gefangen genommen, aber Leutnant Onoda konnte flüchten und versteckte sich im Dschungel. Als der Krieg dort im September 1945 zu Ende ging, war Onoda noch immer im Dschungel. Und als es danach Flugblätter regnete, um übrig gebliebene japanische Soldaten über das Ende des Krieges zu informieren, glaubte er dem nicht. Er machte weiter, jahrelang, jahrzehntelang. Ein Holdout, wie die Amerikaner solche Leute nannten, ein Ausharrer. Am 9. März 1974 kapitulierte Leutnant Onoda schließlich. Er war noch im Dienst, trug seine Uniform, sein Schwert, hatte ein Gewehr bei sich, 500 Schuss Munition und ein paar Handgranaten.

In Cuxhaven sind es nicht versprengte Japaner, sondern einheimische Busfahrer, die für Erstaunen sorgen. Sie fahren fünf Mal täglich mit dem Bus Linie 1004 vom Bahnhof raus zum Fähranleger an der Elbe. Und das ohne Passagiere, weil die Fähre seit November 2017 nicht mehr nach Brunsbüttel übersetzt. Das Fährunternehmen hat den Betrieb eingestellt, das örtliche Busunternehmen aber nicht. Und dort ist man der Ansicht: Vertrag ist Vertrag. Und der wird erfüllt. Man sehe sich in der Pflicht, meinte die Busgesellschaft. Mindestens bis Anfang Mai will man weiterfahren zum Anleger, wo nichts mehr anlegt. In Cuxhaven spricht man von Geisterbussen.

Das ist in Ordnung. Wat mutt, dat mutt, sagt der norddeutsche Mensch und wundert sich, wenn überhaupt, auf Sparflamme, denn zu viel Aufregung ist nicht gut fürs Herz. Fragen nach Sinnhaftigkeit von Tun erübrigen sich momentan sowieso, siehe nicht nur Merkel, Schulz und andere Holdouts. Im Norden gibt es ja auch noch den Ort Tribsees an der Autobahn 20, wo sich ein Loch aufgetan hat, das von 20 Metern Durchmesser auf 95 Meter anschwoll, Ende offen. Das Unbegreifliche ist nicht das wachsende Loch, sondern die Autobahn dort. Jeder norddeutsche Mensch weiß: Eine Autobahn über Torf legen ist, als hätte man ein Kartenhaus in einer Hüpfburg gebaut und gleich kommen die Kinder.

So gesehen ist das Verhalten des Leutnants Onoda oder das der Cuxhavener Busgesellschaft kein bisschen seltsam. Onoda gründete 1984 eine Schule, um etwas gegen den Werteverfall zu tun. Wer weiß, was Cuxhavens Busfahrer einmal tun werden oder die Autobahnplaner von Tribsees, wenn sie Reue verspürend auf der A20 an einer Kante stehen und auf Deutschlands drittgrößten Binnensee blicken.

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